Festivalblog Tag 3

Es swingt sich ein

Oh Gott, dieses Kopfweh! Gestern muss die goEast-Party im Schlachthof gewesen sein!
Aber was war nochmal davor?

Frühmorgens hieß es bei den Schulfilmtagen AB ANS MEER. Nachdem am Donnerstag die NachwuchscineastInnen mit einer Kurzfilmrolle des polnischen Festivals Ale Kino! erfreut wurden, versprach der Titel heute einen unterhaltsamen Langspielfilm aus Tschechien. Hauptdarsteller Petr Šimčák war zu Gast und gab Anekdoten von den Dreharbeiten zum Besten.
Humorvoll und eloquent führten Barbara Wurm und Dr. Christine Gölz im Symposium ein in das Schaffen verschiedenster Filmemacherinnen. Ihr Übersichtsvortrag wurde ergänzt durch eine feministische Perspektive auf das osteuropäische Kino von Beáta Hock und schließlich in der Podiumsdiskussion leibhaftig verkörpert: Lyalya Stanukinas, Lana Gogoberidze und ihre Tochter Salomé Alexi gaben redseligen Einblick in Leben und Werk. Um die Zeit zwischen Lectures und Kino-Screenings nicht ungenutzt verstreichen zu lassen, luden die Organisatorinnen dann noch zum Couchfeminismus mit Videolounge ein.

Auf reges Interesse stießen auch die Weltpremieren bei OPPOSE OTHERING!. Die Tandemteams hatten Gelegenheit mit der Koordinatorin Rebecca Podlech im vollen Digi-Kino des Festivalzentrums über ihre Erfahrungen bei der Umsetzung ihrer Projekte zu sprechen. Mit finanzieller Unterstützung der Stiftung EVZ sind zwei tolle Kurzfilme entstanden, die sowohl dokumentarisch als auch semidokumentarisch-experimentell arbeiten. VOICES begleitet Menschen in Moskau und Berlin bei ihrer Transition in ihr wirkliches Geschlecht, genauer: bei den Bemühungen um die Veränderung ihrer Stimme. ALYONA (ehemals ANOTHER DAY) bewegt sich zwischen alltäglicher Beobachtung, Inszenierung und der Verbildlichung intimer Kämpfe im Innern und wählt als Protagonistin eine junge, stille Frau.

Zur Vernissage im sam – Stadtmuseum am Markt versammelte sich am frühen Abend das Publikum, um sich - passend zum Länderfokus - tschechoslowakische Filmposter aus mehreren Dekaden anzuschauen. Beim Filmgespräch zu den Wettbewerbsbeiträgen wurden vor allem brandaktuelle politische Themen angerissen. Arina Adjus persönliches Vaterporträt ALLE WEGE FÜHREN NACH AFRIN lief im Double-Feature mit der Doku einer weiteren jungen Filmemacherin: Adéla Komrzý. Ihr an der Prager Filmhochschule FAMU entstandener, investigativer KRIEGSKUNDE lief in Tschechien neben der Kinoauswertung bereits erfolgreich im Fernsehen. Von erschrockener Einsicht in die gefährliche Absurdität dieser staatlich verordneten Militarisierung, über Dankbarkeit, Überraschung bis hin zu Hassmails provoziert dieser Film verschiedenste Reaktionen und stößt in unserem Nachbarland gerade eine wichtige, öffentliche Debatte an.

Anka Sasnal war in Begleitung ihrer Produzentin Agata Szymańska gekommen und verriet, dass sie sich nicht nur für DIE SONNE, DIE SONNE BLENDETE MICH von literarischen Vorlagen inspirieren lässt. Der düstere, filmische Blick auf die polnische Gesellschaft sei, so betonten beide dann, leider Abbild einer bitteren Realität. Die grassierende Xenophobie und die Verflechtung von reaktionärer, religiöser Institution und staatlicher Macht wurden problematisiert und führten im Gespräch mit Roland Vranik, der mit seinem Film DER BÜRGER zu Gast beim Festival ist, zu größeren Zusammenhängen. Das lange Gespräch war Beleg für das Interesse und die Komplexität gleichermaßen. Dass sich globaler Kapitalismus, institutionalisierter und internalisierter Rassismus und Krieg nicht einfach so auflösen lassen, wurde ebenso deutlich wie die Notwendigkeit, im Kleinen wie im Großen Veränderungen zu fordern und zu leben.

Und dann war da noch diese Party...