Festivalblog Tag 4

IM AUGE DES STURMS

Jedenfalls habe ich mich gestern so gefühlt, nachdem das Spontan-Koma nachließ, das mich in den Liegesack im Festivalzentrum warf und ich mich wiederfand inmitten wild gestikulierender, lachender, tanzender Menschen (die Epiphanie im Bild hatte ich übrigens nicht, auch wenn es ähnlich ausgesehen haben muss). Ich rieb meine Augen, hielt die Ingwer-Limo fest umklammert und atmete tief durch. Ach ja, goEast. Es läuft.

Tag 4 begann sektionsübergreifend, hielt doch der Länderfokus Tschechien Einzug in das Symposium. Pavla Frýdlová sprach zu Czech Film and Feminism. Věra Chytilová, an Example.
Danach führte Cornelia Klauß ihre Untersuchungen zu den Regisseurinnen der DEFA und des experimentellen Undergrounds aus. Beim Panel diskutierten schließlich Borjana Gaković, Mirjana Karanović, Mima Simić und Masha Godovannaya u.a. weibliche Vorbilder ihrer Jugend und die Vor- und Nachteile von Experimentalfilm und Blockbuster, Nische und Mainstream in Bezug auf feministische Positionen und Aktionen. Ein erfrischender, unterhaltsamer und kluger Austausch, der trotzdem nicht ausblendete, dass die Situation für Frauen in Serbien, Russland, Tschetschenien (...) oft keine leichte ist und für LGBTI*-Menschen lebensbedrohlich sein kann.

Beim Empfang zum Länderfokus Czech Cinema Now! konnten sich im Anschluss an das Podium zum tschechischen Filmgeschehen die Gästen über Filmerbe, Archivierung und Förderbedingungen unterhalten oder darüber, warum in unserem Nachbarland die dokumentarische Form so stark repräsentiert ist, schließlich war das Tschechische Institut für Dokumentarfilm und das Tschechische Filmzentrum Mitausrichter des Get-togethers.
Auf dem KRITIKERBLOG, der 2014 beim LICHTER Filmfest Frankfurt International in Kooperation mit dem hessischen Hochschulnetzwerk hFMA ins Leben gerufen wurde, analysieren junge FilmkritikerInnen die Festivalfilme. Der dazugehörige, viertägige Workshop unter Leitung von Toby Ashraf ist in vollem Gange und verspricht noch einiges an interessanten Texten.

Bei den Highlights im Apollo vermochte die serbische Komödie TAGEBUCH EINES LOKFÜHRERS den Gästen ein zufriedenes Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Wenn sich das Publikum überglücklich bei der Kinoleitung bedankt, steht fest, dass die Sektion ihrem Namen voll und ganz gerecht geworden ist.
Larisa Shepitkos FLÜGEL von den Symposiumsfilmen im Murnau, die es alle in den analogen Originalformaten zu sehen gibt, wurde dann bei einem Drink im Festivalzentrum (okay, es war schon wieder eine Party; und sie war voll und ziemlich lustig) als „sehr antonioniesk, nur besser" auf den Punkt gebracht.

Wer es am Mittag nicht zur ersten Paneldiskussion geschafft hatte, konnte Mirjana Karanović abends noch einmal erleben: Bei den Film Talks in der Wiesbadener Casinogesellschaft diskutierte sie mit Regisseur Bojan Vuletić und Produzent Miroslav Mogorović, ob ihr Film REQUIEM FÜR FRAU J., in welchen sie auf grandiose Weise eine Frau verkörpert, die zu sterben beschließt, ein feministischer Film ist. Ivan Ramljak erzählte von der Freude, mit 90-jährigen Cinephilen auf kroatischen Inseln Interviews zu führen. Sein Dokumentarfilm KINOINSELN widmet sich den verlassenen Orten erloschenen Lichtspiels. Gezeigt wurde er mit dem Omnisbusfilm RUSSLAND ALS TRAUM, der aus Episoden von über 20 FilmemacherInnen besteht, von denen Andrey Silvestrov und Daniil Zinchenko die Couchgespräche mit russischen Eigenheiten bereicherten.
Viele Fragen hatte das Publikum zu VATERS VERMÄCHTNIS. Dastan Zhapar uulu und Mukul Yimanberdi erläuterten v.a. traditionelle Riten und narrative Tendenzen in ihrem Heimatland Kirgisistan, auch in Bezug zur (post-)sowjetischen Geschichte.

Und noch ein bisschen Namedropping zum Schluss: Agnieszka Holland, Artur und Alice Brauner, Ulrich Matthes und Márta Mészáros, um nur einige zu nennen, werden das Festival in den kommenden Tagen bereichern. Es bleibt spannend!