Festivalblog Tag 6

Endspurt

Am Morgen des vorletzten Festivaltages wurde es ernst für die TeilnehmerInnen des East-West Talent Lab und von OPPOSE OTHERING!. Die Pitches fanden nicht nur vor den MitstreiterInnen und einer Jury statt, sondern standen im Falle des EWTL auch allen Interessierten offen.
Die OO!-Tandems bewarben sich um Fördergelder, mit denen sie innerhalb eines Jahres Projekte realisieren können, die dann bei der nächsten Ausgabe von goEast präsentiert werden sollen. Die Entscheidungen, welche Produktion den mit 3500 Euro dotierten goEast Development Award und welche fünf OO!-Projekte nicht nur ideelle, sondern auch finanzielle Unterstützung erhalten, werden heute bei der Preisverleihung im Caligari verkündet.

Parallel gab es im Apollo die Gelegenheit, mit Jurymitglied Jakob Diehl über den Film PARADIES von Andrei Konchalovsky zu sprechen, in welchem er einen kleinen, aber bedeutsamen Part hat und sich durch eine intensive Schauspielleistung auszeichnete.
Mittags liefen im Caligari die drei restlichen Weltpremieren der OO!-GewinnerInnen des letzten Jahres. BELONGING von Judith Beuth und Jasmin Brutus begleitet auf sehr empathische Weise die Bemühungen von LehrerInnen, Eltern und MitschülerInnen, den gehörlosen Zejd in den Schulalltag mit einzuschließen. Anda Puşcaş und Dennis Stormer erzählen in LOOKING AT OTHERS von dem Aufeinandertreffen rumänischer Roma-Familien mit TouristInnen, von Selbstvermarktung, Romantisierung und Blickkonstellationen. In JOŽKA von Hamze Bytyci und Milan Durňak kämpft der namensgebende Protagonist gegen das Vergessen der systematischen Ermordung von Roma und Sinti während der NS-Zeit. Unermüdlich setzt er sich sowohl für die Errichtung eines Denkmals als auch für die Schließung der Schweinemastanlage auf dem Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers ein. Die Teams sprachen im Anschluss an die Vorführungen mit Projektleiterin Rebecca Podlech und Festivalleiterin Gaby Babić über die verschiedenen Herangehensweisen dieser sehr unterschiedlichen Werke, denen aber allesamt ein Aufbegehren gegen Ausgrenzung, ein Bewusstsein für die Komplexität ihrer Sujets und eine Neugierde auf die beteiligten Menschen innewohnt.

Ein Highlight des Tages waren sicherlich die Erzählungen der ungarischen Regisseurin Márta Mészáros. Im Austausch mit Catherine Portuges und den Besucherinnen des Werkstattgesprächs berichtete sie anschaulich und agil von den Anfängen ihrer Karriere, der Skepsis der männlich dominierten Branche, den Vorurteilen und den sich anschließenden Jahren der Anerkennung und Würdigung. Dabei führte sie streitbaren Ansichten an wie „my films are not realistic films" oder - passend zum Symposium Feministisch wider Willen - „I'm not a feminist", ließ das Publikum aber damit nie allein und erläuterte en détail Bedeutungen und Kontexte.

Es gab auch wieder ein feines Filmgespräch zum Wettbewerb: Hana Jušić und Produzentin Ankica Jurić Tilić von GLOTZ NICHT AUF MEINEN TELLER unterhielten sich unter der Moderation von Olaf Möller mit L'ubica Orechovska, Produzentin von DIE LEHRERIN.

Jušić gewährte Einblicke in ihre Arbeitsweise und sprach darüber, wie sie ihre Hauptdarstellerin Mia Petričević beim Camping am Strand fand. Thematisiert wurde auch die bewusst raue Kamera und das Sounddesign sowie die (sprachlichen) Eigenheiten der BewohnerInnen des kroatischen Küstenstädtchen Šibenik. Orechovska erläuterte die verschiedenen Stufen der Produktion und verriet, dass die Figur der Lehrerin tatsächlich auf einer realen Person beruht.
Im Caligari unterhielt sich zu später Stunde Gaby Babić noch mit Mirjana Karanović über ihre Doppelrolle als Regisseurin und Hauptdarstellerin von EINE GUTE EHEFRAU, in welchem eine serbische Hausfrau zufällig auf gefilmte Kriegsverbrechen ihres Mannes stößt und zusätzlich mit Brustkrebs diagnostiziert wird, ihr Leben daraufhin aber souverän in die Hand nimmt.

Heute können NachzüglerInnen und Unermüdliche beide Wettbewerbsfilme im Apollo in der Wiederholung genießen und darüber hinaus noch den amüsanten Highlights-Film MUTTER UND ANDERE SPINNER IN DER FAMILIE von Ibolya Fekete und Konchalovskys PARADIES sehen, während hinter den Kulissen eifrig Vorbereitungen für die Abschlussveranstaltung einschließlich Preisverleihung getroffen werden.