blogEast

blogEast ist ein neues Projekt von goEast - Festival des Mittel- und Osteuropäischen Films. Wir erklären uns hiermit solidarisch mit unseren Kollegen/innen und Freunden/innen aus den Mittel- und Osteuropäischen Ländern, die gerade, bedingt durch die Covid-19 Pandemie, mit großen Herausforderungen konfrontiert werden. In den kommenden Wochen werden hier Blogbeiträge veröffentlicht, welche sowohl filmische als auch politische und soziale Facetten der Situation beleuchten und die Geschehnisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. blogEast wird durch das goEast Team betreut und ist Teil des vom Kulturfonds Frankfurt Rhein Main geförderten Rahmenprogramms Paneuropäisches Picknick.

Mein Land BELARUS: VERZÖGERTE REALITÄT

Als ausgebildete Journalistin mit Arbeitserfahrung in Belarus weiß ich zu gut, wie die Medien manchmal Informationen instrumentalisieren, um Menschen zu bedrohen, sie hörig zu machen, einzuschüchtern, Paranoia zu schüren und ähnliches.

Als mich in Prag, wo ich gerade an der East Doc Platform teilnahm, einer der Partner vom belarussischen unabhängigen Filmfestival Northern Lights Nordic-Baltic Film Festival, das ich seit sechs Jahren leite, anrief und fragte, ob ich das Festival absagen oder verschieben würde – war ich außer mir.

"Nein, natürlich werde ich nichts verschieben, solange es keine offizielle Stellungnahme der belarussischen Regierung gibt!", antwortete ich voller Inbrunst. Das war am 10. März. Meine Partner, die in skandinavischen und baltischen Ländern leben und an staatlichen Institutionen arbeiten, wussten bereits, was wir erst herausfinden mussten. In den folgenden Tagen schloss Dänemark seine Grenzen. Danach ging es wie beim Dominoeffekt: Ein Land nach dem anderen schloss seine Grenzen. Ich überprüfte die Informationen, schließlich neigen internationale Medien auch zu Übertreibung, so funktionieren die Medien eben. Die Lage könnte nicht ernster sein.

Mir fällt ein Vergleich aus der Schulzeit ein. Die meisten Kunstbewegungen erreichten Belarus mit Verzögerung, manchmal ein Jahrzehnt später, manchmal sogar ein Jahrhundert oder mehr. Wie das belarussische Barock, das erst ein Jahrhundert später in voller Pracht erblühte als überall anders auf der Welt. So ist es auch mit der COVID-19 Pandemie. Nicht ein Jahrhundert später, aber trotzdem. Ich denke, es liegt daran, dass das Staatsoberhaupt glaubt, von Feinden umgeben zu sein und niemandem trauen zu können. Paranoia im Sowjetstil. Ich warte ein paar Wochen ab und schon erzählt mir mein Vater, der viel russisches Fernsehen guckt, dass das Coronavirus eine biologische Waffe von Trump sei. „Uns wird das schon seit einem Monat eingeflößt und dein Vater kommt erst jetzt damit?" Meine belarussischen Freunde sind überrascht. „Dein Vater ist ja eine harte Nuss", scherzen sie. Alles hängt von dem Informationsfeld ab, in dem wir leben.

Aus Prag fuhr ich nach Tallin, wo ich derzeit wohne, sagte meine Reise nach Minsk ab und isolierte mich. Meine Freunde und Eltern in Belarus begriffen nicht, was los war. Sie konnten nicht glauben, dass die Welt Ausgangssperre hatte. Im Sinne von: Die Welt ist doch keine Schule, die man für eine zweiwöchige Quarantäne wegen einer lokalen Grippeepidemie schließen kann (als Schulkind fand ich übrigens diese Quarantänezeiten toll! Wir mussten nichts für die Schule machen und konnten ausschlafen. Und dann gingen wir auch noch Schlitten fahren, heimlich natürlich, während meine Mutter auf der Arbeit war).

Ich war seit zwei Wochen in Selbstisolation in Tallin, wies meine Eltern über Skype an, zu Hause zu bleiben und wie sie sie sich schützen sollten und las lustige Geschichten von belarussischen Freund*innen auf Facebook. Der Spaß war vorbei, als plötzlich der litauische Präsident sagte, er würde den offiziellen Informationen aus Belarus nicht trauen. Oder als ich die Statistiken nachguckte und in jedem Land mit Ausgangsbeschränkungen die Zahlen der Infizierten trotzdem anstiegen. In Belarus aber blieben sie überraschend stabil. Das sah einfach nicht realistisch aus. Ich begann daran zu zweifeln, ob dort überhaupt Leute getestet wurden. Ich fragte eine Freundin, die in meiner Heimatstadt Wizebsk als Ärztin arbeitet. Sie erzählte, dass keiner Bescheid wisse und alles vage sei: keine Anweisungen, keine Behandlung, der Staat reagiert nicht und verheimlicht Fakten. Mein Facebook-Feed war voll mit Panik, meine belarussischen Freund*innen verglichen die Situation mit Tschernobyl – auch damals wurde durch den Staat Information vorenthalten. So gar nicht mehr zum Lachen.

Aber manchmal dann doch wieder. Humor wird uns retten. Sogar meine internationalen Kommiliton*innen an der Baltischen Film- und Medienschule fragten mich zum Scherz, ob ich mich an die Gesundheitsempfehlungen von Lukaschenka halte: Traktor, Sauna und Kühlschränke ... Seine Äußerungen avancierten zu international gefeiertem Anti-Corona-Quatsch. Wir haben einen Grund, stolz zu sein, juhu!

Meine Behauptung, dass ich das Festival nur nach einer offiziellen Stellungnahme der Regierung verschieben würde, hatte sich erübrigt. Es würde keine offizielle Stellungnahme geben ... Eine Woche nachdem ich aus Prag zurückgekommen war, verschob ich das Festival auf den Herbst. Alle internationalen Gäste waren von Ausgangsbeschränkungen betroffen und wieder erwartete ich einen Dominoeffekt. Selbst wenn Belarus seine Grenzen nicht schließen würde, alle anderen Länder schon. Auf keinen Fall könnten wir unser Festival wie geplant am 23.-30. April durchführen ... Schmerzhaft. Ich hoffe, wir werden bis Ende April das neue Datum mitteilen können. Ich hoffe wirklich so sehr, dass die Lage bald besser wird und sich ein Impfstoff findet.

Estnische Filmleute haben mich gefragt, ob es stimme, dass Lukaschenka keine Angst vor dem Coronavirus habe. Ich komme mir immer komisch dabei vor, solche Fragen zu beantworten. Ist Lukaschenka wirklich so verrückt, wie es in den Medien heißt? Also ich bin ja nicht seine Sekretärin oder sowas. Aber von dem her, was ich in den Nachrichten sehe und wie die Institutionen in Belarus reagieren – ist es tatsächlich ziemlich irre. Wie kann eine Regierung die eigene Bevölkerung so ignorieren? Keine Solidarität, kein Mitgefühl, keine Wertschätzung für das Leben der eigenen Leute. Der belarussische Staat basiert auf den Prinzipien des Missbrauchs und der totalen Kontrolle, er ist von innen her toxisch. Es ist wie mit der Situation vieler Opfer häuslicher Gewalt: Meine Metapher ist, dass das gesamte Land Opfer emotionaler und psychologischer häuslicher Gewalt durch seinen Präsidenten ist. Die Mechanismen sind dieselben: Gaslighting, Einschüchterung, Erpressung, Täuschung usw.

„Es gibt keine Viren, ich sehe sie nicht herumfliegen."
Was kann man tun?

Der Online-Flashmob #прашчальнаесловапрэзидзента (#AbschiedswortedesPräsidenten) entstand als Reaktion auf die kränkenden und völlig respektlosen Äußerungen von Lukashenka über Belaruss*innen, die an dem Coronavirus gestorben sind. In den sozialen Medien fingen die Leute an, Kommentare zu posten, die vom Präsidenten kommen könnten, wären sie an Corona gestorben, voller Selbstironie, um sich darüber lustig zu machen und einander aufzuheitern ... Was können wir tun? Wenn wir über Politik reden, sagt meine Mutter gewöhnlich: „Na und, wir haben es in der Küche besprochen, wird das irgendwas ändern?" Für sie ist es eine rhetorische Frage.

Wichtig ist auch, dass in Belarus 85,6 % aller Angestellten im Gesundheitswesen Frauen sind. Und sie sind jetzt einer sehr großen Gefahr ausgesetzt: ungeschützt, ungehört und manchmal sogar verfolgt und verhört, weil sie offen über ihre Erfahrungen sprechen. Wie zum Beispiel diese Ärztin aus Wizebsk.

Ich habe noch gar nicht berichtet, wie die Kreativen mit dem Überleben in dieser Krise kämpfen. Dafür müsste ich einen weiteren langen Text schreiben.

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Heute hat ein Freund meinen Vater in Wizebsk angerufen und ihm gesagt, dass er positiv auf COVID-19 getestet wurde. Der Freund war eine Woche lang krank gewesen, mit Husten und Fieber, und hatte sich danach erst getraut, den Notarzt zu rufen. Er verbrachte eine weitere Woche im Krankenhaus und wurde erst nach dieser Woche getestet, mehrere Tage später kam das Ergebnis. Der Freund rief meinen Vater an, um ihn zu warnen und schlug ihm vor, sich auch testen zu lassen. Zum Glück haben die beiden sich schon vor drei Wochen gesehen und mein Vater hat keinerlei Symptome. Erleichterung. Aber es ist wie auf dünnem Eis zu laufen.

In Belarus regiert keiner mit Liebe und Fürsorge, keiner äußert Mitgefühl, wie der kanadische oder der niederländische Ministerpräsident, es gibt niemanden, der Mut macht oder Anteilnahme zeigt. Die Leute sind auf sich alleine gestellt und müssen sich in diesem Dschungel der verzögerten Realität selbst durchschlagen. Lasst uns gut zu einander sein in diesem Überlebenskampf.

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Beispiele für Solidarität in Belarus, auf die ich stolz bin!

Wie man Ärzt*innen in Belarus helfen kann: HIER ZU LESEN

Belarussischer Aktivist, der Information über COVID-19 bereitstellt: HIER ZU LESEN

Volia Chajkouskaya