blogEast

blogEast ist ein neues Projekt von goEast - Festival des Mittel- und Osteuropäischen Films. Wir erklären uns hiermit solidarisch mit unseren Kollegen/innen und Freunden/innen aus den Mittel- und Osteuropäischen Ländern, die gerade, bedingt durch die Covid-19 Pandemie, mit großen Herausforderungen konfrontiert werden. In den kommenden Wochen werden hier Blogbeiträge veröffentlicht, welche sowohl filmische als auch politische und soziale Facetten der Situation beleuchten und die Geschehnisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. blogEast wird durch das goEast Team betreut und ist Teil des vom Kulturfonds Frankfurt Rhein Main geförderten Rahmenprogramms Paneuropäisches Picknick.

Moldawien, ein Land in der ewigen Krise

Die erste Krise erwischte die Republik Moldau 1991 nach dem Zerfall der Sowjetunion. Der neu geborene unabhängige Staat musste sich an eine neue politische Ordnung (Hallo, „Transformation zur Demokratie"!) und ein neues (post-sozialistisches kapitalistisches) Wirtschaftssystem anpassen.

In den frühen 90er-Jahren kollabierte das Währungssystem, was dazu führte, dass die Leute praktisch über Nacht all ihre Ersparnisse verloren. 

Für diejenigen, die in diesen düsteren Zeiten mit einem blauen Auge davongekommen waren, gab es bei der nächsten Krise Ende der 90er-Jahre ein böses Erwachen: Löhne und Gehälter wurden, wenn überhaupt, in Waren ausgezahlt. Die Situation zwang viele (über 30% der Bevölkerung) ins Ausland, um sich dort Arbeit zu suchen. Darunter waren viele Intellektuelle, wie Lehrer/innen, Ärzt/innen, Ingenieur/innen.

Nach einem erdrutschartigen Sieg bei den Parlamentswahlen 2001 kam die Kommunistische Partei an die Macht. Die Agenda der Partei hatte nichts mit Kommunismus zu tun, viel eher mit Kapitalismus. Die Wirtschaft wurde schnell stabilisiert, einschließlich massiver Einschränkungen der freien Meinungsäußerung durch das Regime, das im Zuge der turbulenten Ereignisse vom April 2009 abdanken musste.

Im Laufe der nächsten fünf Jahre wurde die Bevölkerung von den führenden Parteien mit dem europäischen Traum abgespeist, der 2014 im „Diebstahl des Jahrhunderts" mündete, als eine Milliarde Dollar (der genaue Betrag wächst bis heute) aus drei großen Banken „verschwand". Im Vergleich zu den wirtschaftlichen Nachwirkungen dieses Betrugsfalls war die Krise von 2008 ein Pappenstiel. Die Folgen wirken bis heute nach. Weder die Ereignisse vom April 2009 noch der Bankenbetrug wurden jemals aufgeklärt.

Nach den letzten dreißig Jahren Schule der Überlebenskunst und Anpassungsfähigkeit hat die Pandemie sogar uns kalt erwischt. Das erste Mal seit Sowjetzeiten dürfen die Leute nicht in die Kirche gehen. Sogar den ehemaligen Kommunist/innen fehlt sie ... Es sieht so aus, als würden die meisten hier kaum an Selbstfürsorge oder Sicherheit denken und am liebsten zur Ostermesse gehen.

Eine große Menge von Arbeitsmigrant/innen der letzten zwei Jahrzehnte sitzt jetzt ohne ihre Jobs im Ausland da. Wir erwarten eine umgekehrte Migrationswelle, die hoffentlich nicht zu einem Tsunami ausartet. Aber höchstwahrscheinlich sind wir sogar darauf vorbereitet.

Ursprünglich hatte ich vor, in diesem Beitrag die bisherigen Probleme und Reaktionen unserer Politiker/innen im Zusammenhang mit der Krise auszublenden. Aber das erwies sich als unmöglich. Jedes Mal, wenn ich etwas umschrieb, musste ich an das fehlende Vertrauen unserer Gesellschaft in die Entscheidungsträger/innen denken. Gerade gehören Empathie, Solidarität und Vertrauen zu den wichtigsten Bedingungen, um diese Krise zu meistern.

Während andere Regierungen Grenzen schlossen, um die Ausbreitung von COVID-19 einzudämmen, war die moldawische Regierungspartei (Partei der Sozialisten) damit beschäftigt, eine Koalition mit der Demokratischen Partei zu bilden (die am meisten von dem Milliarden-Diebstahl profitiert hat) – trotz ihres Versprechens, nie mit der Demokratischen Partei anzubändeln. Während in Italien die Ausgangssperre verhängt wurde und andere europäische Länder drastische Maßnahmen gegen die Pandemie einführten, schacherten die beiden Parteien um Sitze im Kabinett.

Es war unmöglich, sie aus meinen Gedanken zu löschen (und aus dem Text), denn sie sind auch diejenigen, die hartnäckig Infektionszahlen vorlegen, die von den offiziellen Berechnungen der WHO abweichen. Die Defizite in Kommunikation und Transparenz sind so groß, dass sogar die Zahlen von staatlichen Institutionen nicht zuverlässig sind. Vielleicht wären die Diskrepanzen der offiziellen veröffentlichten Daten niemandem aufgefallen, wenn die Medien sich nicht um eine Berichterstattung darüber bemüht hätten. Jede kritische Frage in den Medien wird von den Behörden abgewehrt als einen Versuch, Panik in der Bevölkerung zu schüren oder Propaganda zu verbreiten. Vielen Medienhäusern drohen Gerichtsverfahren. Wenn die freie Meinungsäußerung und der Investigative Journalismus ins Visier des Staats geraten, macht mir das weitaus mehr Angst als jedes Virus und jede Krise.

Das einzige, worauf sich die Behörden zu verlassen scheinen, ist internationale Unterstützung. Der Ministerpräsident zählt auf einen IWF-Kredit, der Präsident auf einen Kredit von Russland und die Gesundheitsministerin auf humanitäre Hilfe aus China. Unternehmer/innen wurden vom Präsidenten aufgefordert, Bankkredite aufzunehmen, um für die Löhne und Gehälter ihrer Angestellten aufzukommen – die Zinsen für die Darlehen will die Regierung spendieren.

Vor diesem Hintergrund ist es utopisch, auf jegliche Unterstützung für Kreative und Kulturschaffende zu hoffen. In Krisenzeiten wird der Kultursektor als Erstes geopfert. Vor einer Woche hat das Ministerium für Bildung, Kultur und Forschung eine Online-Umfrage dazu gestartet, wie den Kultureinrichtungen und der Kreativwirtschaft zu helfen wäre. Ehrlich gesagt, erwartet niemand ernsthaft, dass der Staat in die Bresche springt. Im Laufe der letzten zwei Jahre hatte das Ministerium vier Ministerinnen. Die Debatte um die intransparenten und unprofessionellen Verteilungsmechanismen der Filmförderung durch das Nationale Filmzentrum und die Diskussionen über die Schaffung eines Filmförderfonds, um den wir seit Jahren bitten, wurden konsequent vom Ministerium sabotiert.

Wir haben keinen Filmförderfonds in der Republik Moldau. Die staatliche Finanzierung der Filmbranche muss im selben Rechnungsjahr ausgegeben werden, was nicht wirklich konform mit der Filmproduktion auf europäischer Ebene ist. Das Gesetz über Barrabatt wurde 2018 verabschiedet, aber weil ein Mechanismus zur Umsetzung fehlt, wurde es bisher nicht angewendet. Seit kurzem ist die Stelle für die Leitung des Nationalen Filmzentrums wieder ausgeschrieben. Aber nach dem desaströsen Mandat des derzeitigen Leiters, der viele ungesunde Praktiken etabliert hat, während die Krise in vollem Gang ist und die Industrie umschwenken und Vertrieb und Finanzierung neu definieren muss, ist die Aufgaben für die neue Leitung – gelinde gesagt – unmöglich.

Trotz dieser Regenwolken gibt es kleine Hoffnungsschimmer, die durch die Ungewissheit brechen. Meine Gedanken gelten den Freund/innen und Aktivist/innen, die in dieser Krisenzeit rausgehen und den Bedürftigsten unserer Gesellschaft helfen. Diejenigen, die gerade am meisten leiden: Senior/innen, Obdachlose (die Obdachlosenunterkünfte sind seit der Ausrufung des Notstands geschlossen), und Menschen, die soziale Betreuung brauchen. Freund/innen von mir haben die soziale Initiative Coliba Albastră gegründet

Über diesen Link kann gespendet werden. Und natürlich gilt mein Mitgefühl den „Kämpfer/innen" an vorderster Front, wie den Ärzt/innen, die jeden Tag gegen COVID-19 in den Krieg ziehen, bewaffnet mit einer Gabel, wie wir scherzen. Die Probleme des moldawischen Gesundheitswesens spiegeln sich auch in den Infektionszahlen wider: Über 25% aller COVID-19 Patient/innen sind Ärzt/innen und anderes medizinisches Personal.

Gerade meide ich die sozialen Medien und die meisten Nachrichtensender. Wir müssen gesund bleiben und gegen Fake News und Medienverschmutzung durch die Pandemie-Panik ankämpfen. Vielleicht ist es kritikwürdig oder verwerflich, wenn man den Kopf in den Sand steckt, aber wie ein Freund aus Spanien gerne sagt: Es gibt keine richtigen oder falschen Strategien, solange du gut durchkommst. Ich habe das Gefühl, dass unsere Behörden gerade ihre Bemühungen eher auf Einschüchterung richten als auf Transparenz und glaubwürdige Information.

Ion Gnatiuc