Kritikenblog: Johanna Böther zu ULBOLSIN

ULBOLSIN, oder: Wieso Feminismus mutige Männer braucht

von Johanna Böther

Mit ULBOLSIN (KZ/FR 2020), der beim diesjährigen goEast Filmfestival seine Deutschlandpremiere feierte, liefert der kasachische Regisseur und Drehbuchautor Adilkhan Yerzhanov einen beeindruckend starken Film über Frauenfeindlichkeit und Feminismus, den sich vor allem Männer zu Herzen nehmen sollten.

Das erzkonservative Dorf Karatas wird voll und ganz von patriarchalen Strukturen bestimmt: Männer herrschen, Frauen dienen, weiblicher Widerstand wird im Keim erstickt. Um ihre kleine Schwester Azhar (Dinara Sagi) vor der Gewalt und Unterdrückung zu schützen, die ihr in Karatas drohen, plant die junge Schauspielerin Ulbolsyn (Assel Sadvakassovas) die gemeinsame Flucht ins Ausland. Als die beiden Schwestern jedoch gerade im Begriff sind, Karatas den Rücken zu kehren, wird Azhar vom reichen und angesehenen Wunderheiler Urgen (Yerbolat Alkozha) entführt, der sich bei Azhars und Ulbolsyns Eltern die Zustimmung zur Hochzeit mit dem 16-jährigen Mädchen erkauft hat. Ulbolsyn bricht sofort zu Azhars Rettung auf, hat dabei aber das ganze Dorf gegen sich.

Ulbolsyns Reaktion auf die Entführung ihrer Schwester mutet zunächst sonderbar sachlich an. Selbst bei der Konfrontation mit drei Dorfpolizisten, deren Inkompetenz nur von ihrem Desinteresse an Azhars Schicksal übertroffen wird, verliert Ulbolsyn nicht die Fassung. Keine Tränen, kein verzweifeltes Flehen, stattdessen ein abgeklärter Blick und eiskaltes Verhandlungsgeschick. Doch nicht nur Ulbolsyn, auch die Kamera scheint auffallend distanziert vom eigentlich doch so grausamen Geschehen. Regisseur Yerzhanov arbeitet überwiegend mit totalen und halb-totalen Einstellungen, betrachtet seine Figuren also stets aus einiger Entfernung. Die Distanziertheit von Schauspiel und Kamera ist jedoch weder dilettantisch noch respektlos. Vielmehr dient sie dazu, Frauenfeindlichkeit als strukturelles Problem sichtbar zu machen. ULBOLSIN erzählt keine individuelle Leidensgeschichte, deren gewaltige Emotionalität mit Großaufnahmen von weinenden Frauen- und bösartigen Männergesichtern unterstrichen werden müsste. Es geht ums große Ganze, um Misogynie als alle gesellschaftliche Schichten durchziehendes Problem. Sinnbild hierfür ist der gigantische Esstisch, an dem Patriarch Urgen neben einfachen Dorfleuten auch Staatsanwälte, Doktoren und Professoren versammelt. Dass die Männer, die Ulbolsyn und ihrer Schwester zusetzen, stets ein wenig lächerlich wirken, ist ebenfalls nur konsequent. Zu Gewalt gegen Frauen sind eben nicht nur außergewöhnlich durchtriebene Superbösewichte, sondern alle Männer fähig – auch dann, wenn sie bemitleidenswerte Witzfiguren sind. 

Noch interessanter sind jedoch die Männer, die Ulbolsyn um Unterstützung bei Azhars Rettung bittet. An jeden von ihnen – die Dorfpolizisten, ein SWAT-Team, einen einflussreichen Blogger und ihren kriminellen Ex-Freund – wendet sie sich mit den Worten: „Nur du kannst mir helfen". Doch obwohl die Männer zunächst alle gönnerhaft ihre Hilfe zusichern, tun sie – nichts. Einige von ihnen haben dann doch zu viel Angst vor Urgen und dessen Einfluss, andere haben einfach „keine Zeit", die Zwangsverheiratung und Vergewaltigung einer 16-Jährigen zu verhindern. Letztendlich ist den Männern das Schicksal von Azrah vielleicht nicht völlig, aber dann eben doch zu egal, um aktiv zu werden. Dabei könnte es so einfach sein: Sämtliche Männer verfügen über immense private, berufliche und institutionelle Ressourcen, die – konsequent eingesetzt – Azhars Befreiung zum Kinderspiel machen würden. Gnadenlos macht ULBOLSIN deutlich, dass es männliche Feigheit und Gleichgültigkeit sind, die Azhars Leid unnötig verlängern und Ulbolsyn zu einem gefährlichen Alleingang zwingen.

Der Showdown hat nicht zuletzt wegen Assel Sadvakassovas grandiosem, kompromisslosem Schauspiel eine bemerkenswerte Wucht, hinterlässt jedoch auch – und das ist gut so! – ein unangenehmes Gefühl der Frustration und Unzufriedenheit. Wenn nun ein letztes Mal der Song „I Feel Love" von Donna Summer ertönt, der sich schon zuvor wie ein roter Faden durch den Film gezogen hatte, dann sind die Lyrics („It's so good, it's so good", „I'm in love, I'm in love") so unvereinbar mit den Bildern auf der Leinwand, dass es fast weh tut. Denn gut ist hier gar nichts, und Liebe gibt es hier auch keine – auch nicht, nachdem Ulbolsyn gründlich aufgeräumt hat.

Wenn mehr Männer ihre strukturellen Privilegien für Frauenrechte einsetzen würden, könnten wir mit der Gleichberechtigung schon viel weiter sein. Adilkhan Yerzhanov hat dies verstanden – und als männlicher Regisseur einen überaus fesselnden, stilsicheren und scharfsinnigen Film gedreht, der unmissverständlich klarmacht, dass männliche Passivität im Angesicht von Frauenfeindlichkeit immer auch Komplizenschaft mit ebendieser bedeutet.