Kritikenblog: Nicole Schurig zu SPACE DOGS

Die unverfrorene Wahrheit über Weltraumtiere – Ein Tribut an Laika

von Nicole Schurig

„At that very moment, what had been a Moscow street dog became a ghost" Alexei Walerjewitsch Serebrjakow, Space Dogs, 2019.

Armstrong, Apollo 11 und ISS gehören zu den ersten Schlagworten, wenn wir an Astronaut*innen und Raumfahrt denken. Allerdings gibt es noch einen Namen, der nicht in Vergessenheit geraten sollte – Laika. Laika, das erste Lebewesen im All. Eine tapfere Hündin, die bereits kurz nach dem Start in den Weltraum starb und seither als Heldin gefeiert wird. Bei Wiedereintritt in die Erdatmosphäre ging die Raumkapsel in Flammen auf, Laika verbrannte in ihr.

Seitdem wurde die einstige Straßenhündin aus Moskau Legenden nach zum Geist. Ein Geist, der nun in den Gassen der Stadt wandelt. SPACE DOGS setzt genau an dem Punkt an und erzählt die Geschichte zweier verwandter Vierbeiner in den Straßen Moskaus. Allerdings ganz anders als in Filmen wie Disneys OLIVER&CO.

Wir beobachten die beiden Rüden in ihrem täglichen Leben. Die Kamera und unser Blick ist dabei immer auf der Höhe der Hunde und erzeugt eine für den Menschen ungewöhnliche Perspektive. Begleitet von abwechselnden Farben, mal heller, mal düsterer. Gepaart mit konträrer Musik. Der Film zeigt ein bizarres Russland, wo Schimpansen als Haustiere gehalten und zur Unterhaltung der Menschheit genutzt werden. Ein Wechselspiel zwischen aktuellen Bildern und vergangener Geschichten. Tiere werden hier wieder einmal mehr nur als Objekte betrachtet und nicht als eigenständige Lebewesen erkannt. Die Streuner werden nur von wenigen Menschen wahrgenommen. Ein Bild, was hier in Deutschland fremd erscheint, in vielen Ländern aber an der Tagesordnung steht. Die nüchterne Darstellung und Begleitung der Kamera von Momenten wie das Erlegen eines Kätzchens lässt eine kalte Schauer über den Rücken laufen und schafft es, in Zeiten von Terror und abgestumpfter Gewalt, eine Ästhetik für den natürlichen Zyklus auf realistische, wenn auch schmerzhafte, Weise darzustellen.

SPACE DOGS ist viel mehr als nur eine Dokumentation. Die Verbindung von brillanter Kameraführung und Archivaufnahmen pointieren gekonnt die Kontroversen zwischen Straße und Labor. Die Verknüpfung von Geschichten und Mythen mit und um Weltraumtiere schaffen ein Blickregime, das mit unsichtbaren Elementen im Gedächtnis der Rezipient*innen gespickt ist und ihm eine andere Interpretation und Dimension des Gesehenen gibt.

Die gelungene Symbiose aus Kameraarbeit und Bildgestaltung, Sounddesign und einem sehr präsenten Erzähler bilden eine Realität ab, wie sie für viele unvorstellbar beziehungsweise weit entfernt erscheint. Eine Realität, die allerdings in vielen Teilen der Welt omnipräsent ist. SPACE DOGS schafft es, mit vermeintlich einfacher Darstellung zweier Vierbeiner und Archivalien ein Bewusstsein für die Notwendigkeit der Unterlassung, Tiere in der Forschung einzusetzen, zu kreieren.