Kritikenblog: Pauline Resch zu THIS RAIN WILL NEVER STOP

von Pauline Resch

Würde man „This Rain Will Never Stop" als Film über einen syrischen Geflüchteten in der Ukraine beschreiben, man würde gleichzeitig die Wahrheit sagen und vollkommenen Unsinn erzählen. 

Vordergründig ist es wahr. Die Geschichte hangelt sich an den Erlebnissen des Protagonisten Andriy Suleiman entlang. Er ist Sohn eines syrischen Kurden und einer Ukrainerin, die zu Beginn des Syrienkonfliktes ihr Land verlassen haben und nun in der Ukraine leben. Die Eltern voller Sehnsucht nach einer Heimat, die nicht mehr existiert, der Bruder fest in Europa angekommen – und Andriy oszilliert zwischen Zugehörigkeit und Verlorenheit. Als Freiwilliger bei den Rapid-Response-Teams des Roten Kreuzes hilft er Dorfbewohnern, die durch den Grenzkonflikt mit Russland auf Lebensmittel und Unterstützung angewiesen sind. Und entscheidet sich dann, im kurdischen Irak eine Spurensuche nach der alten Heimat zu beginnen.

Dabei tritt die schizophrene Realität der Familie immer stärker zutage, je weiter der Film fortschreitet. Unterstrichen von der strikten Einteilung in elf Kapitel zerspringt das Leben der Protagonisten in ein buntes Mosaik unterschiedlichster Erfahrungen, die beim besten Willen nicht zusammenpassen möchten. Die karge, verschneite Einsamkeit ukrainischer Kleinbauern bricht mit Galaveranstaltungen des Roten Kreuzes voller schillernder Volkstänzer. Die prunkvollen Hochzeit der Verwandten in Deutschland wird in der staubigen Leere der Geflüchteten-Unterkünft im Irak zum Theaterstück. Und doch bleibt dazwischen Zeit für die vertrauten Alltäglichkeiten von Familienessen und Kaffee mit der Exfreundin. Die geografische Zersprengung der Familienmitglieder über drei Länder und zwei Kontinente tut ihr übriges.
Körnige Handyvideos und rauschende Skypeanrufe über brüchige Internetverbindungen überbrücken Raum und Kapitelgrenzen in einer Familiengeschichte, die fragmentarischer kaum sein könnte. 

Die Stärke des Films liegt jedoch nicht in ihren Protagonisten. Tatsächlich bleibt Andriy den gesamten Film über unnahbar und blass, einzig sein Onkel bricht wirklich zu mir durch. Und das ist gut so. Denn während die Regisseurin Alina Gorlova alltägliche und außergewöhnliche, traurige und freudige Ereignisse zum Flickenteppich eines Lebens verknüpft, das trotz aller Dramatik des Krieges Platz für Banalitäten lässt, verdichten sich mechanisch marschierende Soldaten und die drängenden Menschenmassen an russischen Passausgaben, das jubilierende Treiben von CSD-Paraden und die drückende Stagnation irakischer Flüchtlingscamps zu einem unaufhaltsamen Vordergrund. Und das macht diesen Film so besonders. Kein herablassendes Mitleid, kein voyeuristisches Interesse am Leiden anderer. Stattdessen empathische Nahaufnahmen eines Lebens, das wie hunderte andere Leben auch in den Menschenströmen des Krieges einfach mitgeschwemmt wird. Ausgang unbekannt.

Mit seinen sorgfältig komponierten Schwarz-Weiß-Bildern, Toncollagen und einer
strengen Kapitelstruktur ist dieser Film experimentell, keine Frage, und das wird sicherlich nicht jedem/r gefallen. Ein so humanes Portrait von Leben in (oder trotz?) der Wirren der Kriege wurde aber sicherlich seit langem nicht gezeichnet.