Kritikenblog: Anna C. Kupffer zu SISTERS

Die (Anti-)Riot Grrrls

von Anna C. Kupffer

Man könnte vermuten, dass ein Dokumentar-Kurzfilm mit dem Titel SISTERS die uneingeschränkte Solidarität unter Frauen in ihrem Widerstand gegen das Patriarchat
thematisiert – genau das ist hier allerdings nicht der Fall. Stattdessen zeigen die
Regisseurinnen, Anna Scherbyna und Valentyna Petrova, am Beispiel der anti-feministischen Schwesternschaft der St. Olga, dass die Fronten unter Frauen extrem verhärtet sind. So beratschlagen sich in einem nachgespielten Interview zwei Mitglieder der Schwesternschaft über eine Protestaktion, die am Weltfrauentag stattfinden soll, und betonen dabei, dass der Feminismus für die moderne Frau und die traditionelle ukrainische Familie eine ernstzunehmende Gefahr darstellt. Sie möchten nicht in einer Welt leben, die von Frauen regiert wird, so der Wortlaut. Nichtsdestotrotz sollen sich Männer aus der Protestaktion am 8. März weitestgehend raushalten – der Kampf gegen den Feminismus ist schließlich Frauensache.

Die Synopsis des Films erscheint im ersten Moment recht skurril, so dass man meinen möchte, die Schwesternschaft sei bloß eine Erfindung der Regisseurinnen, ein Mittel, mit dem Anti-Feminist:innen durch den Kakao gezogen werden sollen – das wäre aber viel zu einfach. Gleich zu Beginn wird mithilfe von Texteinblendungen und Amateuraufnahmen aufgeklärt: die Schwesternschaft gibt es wirklich. Angeführt von Alexandra Sklyar, arbeitet sie mit rechtskonservativen Gruppierungen zusammen und setzt sich für die Rücknahme des Frauenwahlrechts ein. Namensgeberin der Schwesternschaft ist Olga von Kiew, die im 10. Jahrhundert die Kiewer Rus regierte. Ihr Denkmal auf dem Michaelsplatz in Kiew wird seit Jahren immer wieder zur Bühne für Reibereien zwischen feministischen und antifeministischen Bündnissen.

Schon die ersten Augenblicke des Films versprechen eine ambitionierte Auseinandersetzung mit den Komplexitäten des (Anti-)Feminismus in der Ukraine: eine collageartige Bilderflut zeigt unter anderem Sklyar, wütende Nationalisten und – besonders hervorstechend – einen Frauenkörper, der zum Sound von Maschinengewehren zusammenzuckt, ganz so als würde er von unsichtbaren Kugeln durchsiebt. Wut, Gewalt, Provokation – SISTERS lebt von seinen Extremen, seiner Mehrdeutigkeit. Vom anti-feministischen Programm der Schwesternschaft und maskierten Frauen, die zu Bikini Kill, der feministischen Punkband schlechthin, durch die Stadt fahren und Männer auf der Straße befragen, ob sie sich selbst für gutaussehend halten.

Von Debatten über Sex and the City und Selbstmord. Vom Besuch im Nagelstudio als lesbische Erfahrung und stille Rebellion gegen das heterosexuelle System.
Bei all dem Durcheinander tun sich selbstverständlich Fragen auf: können Frauen antifeministisch sein? Dürfen sie es überhaupt? Wäre es nicht besser, wenn sich alle Frauen zu einem Kollektiv zusammenschließen, oder ist die Idee vom Kollektiv reine Utopie, da die Meinungen einfach zu weit auseinandergehen? Und: handelt es sich bei SISTERS nun um einen feministischen oder einen anti-feministischen Film? Die Antworten dürften je nach Standpunkt unterschiedlich ausfallen. Letztendlich ist es aber gerade die Unmöglichkeit, derartige Fragen zufriedenstellend zu klären, die den Kern und die Stärke von SISTERS ausmacht. Der Film bietet im Sinne der Feminismus-Debatte eine Menge interessantes Material, das ausgiebig diskutiert werden will – ob Chaos und Ambiguität als gestalterische Grundprinzipien in dieser Angelegenheit hilfreich sind, darf aber durchaus bezweifelt werden. So müssen die vielen eindrucksvollen Bilder und teils sehr unterschiedlichen, politischen Meinungen, die
SISTERS innerhalb von knapp 12 Minuten anreißt, erst einmal in Ruhe entwirrt, verdaut und geordnet werden, bevor es überhaupt zu einer einigermaßen produktiven Diskussion kommen kann. Ein bisschen weniger wäre in diesem Fall wahrscheinlich mehr gewesen.