Kritikenblog: Andreas Reinhart zu FIGURANT

Zwischen Kafka, Kulisse und Krieg

von Andreas Reinhart

Inmitten des äußerst sehenswerten Programms des diesjährigen RheinMain Kurzfilm-preises sticht ein Werk besonders heraus – Jan Vejnars tschechischer Kurzfilm FIGURANT folgt einem stummen, namenlosen Protagonisten durch eine laute, bizarr-gewalttätige Welt. Nur 13 Minuten dauert diese Tour de Force - und doch hinterlässt sie gewaltigen Eindruck.

Der tragische Antiheld des Films ist, wie der Titel schon sagt, ein Figurant, also ein Fil-komparse, schlecht bezahlt und austauschbar, wie ein in die Jahre gekommenes Requisit. An ihm klebt die Kamera, ebenso wie unsere Aufmerksamkeit, von der ersten Se-kunde an. Wir erleben seinen Gang von der Registrierung zur Garderobe bis in die Maske und schließlich in die brutale Szenerie eines Kriegsfilmsets, die von der grausamen Realität nicht mehr trennbar scheint. Grandios gespielt wird die Hauptfigur vom französi-schen Schauspieler Denis Lavant, der seine Rolle gekonnt zwischen physiognomischer und physischer Komik und bemitleidenswerter Tragik ansiedelt und so unwillkürlich Erinnerungen an Stummfilmgrößen wie Chaplin oder Stan Laurel weckt. Sein zerfurchtes, verschrobenes, kurzum unvergessliches Gesicht wird zugleich zum Spiegel der gewalttä-tigen Absurdität seiner Umgebung.

Die Welt hinter den Kulissen des Filmsets wird auf virtuose Weise derart kalt, menschenverachtend und brutal inszeniert, dass sie beinahe an filmische Darstellungen von Konzentrationslagern erinnert. Aufnahmeleitung und Crew erscheinen plötzlich wie Wärter:innen und Kommandant:innen. Der Maskenbildner wird zum hünenhaften, gesichtslosen Schlachter, die von ihm geschminkten Wunden reißen auf, Kunstblut vermischt sich mit seinem realen Vorbild. So wird der Weg des Figuranten zu einer düste-ren, erschreckenden kleinen Odyssee in der sich Illusion, Realität und Trauma schließlich untrennbar verstricken. Dies gelingt vor allem auch durch einen kontrastreichen und effektvollen Bild- und Tonschnitt.

Autor und Regisseur Jan Vejnar betreibt ein Verwirrspiel mit Kulissenhaftigkeit und Au-thentizität, stellt zunächst die Konsequenzverminderung des „So-tun-als-ob" und schließlich das Reale an sich auf intelligente Art in Frage. Es gilt einmal mehr: „Alles ist nur Theater / Und ist doch auch Wirklichkeit". Das Ergebnis ist eine ebenso denk- wie merkwürdige Groteske und lässt uns zum genau richtigen Zeitpunkt gleichermaßen rat-los wie betroffen zurück.

Franz Kafka hätte an diesem Kurzfilm wohl Freude gefunden – ebenso wie hoffentlich viele andere Genießer:innen gelungener Filmkunst, die dieses Werk im Rahmen des goEast-Festivals entdecken werden.