Kritikenblog: Lena Salvatore zu FIGURANT

von Lena Salvatore

Ein Mann ohne Namen, ohne eigene Stimme. Bei nächtlicher Dunkelheit wird er nach einem Feuerzeug gefragt, um eine Zigarette anzuzünden. Kurz darauf öffnet sich eine verrostete Tür zu einer großen, düsteren Fabrik. Behutsam durchquert der Mann jene Tür, um ein Jobangebot anzunehmen.

Figurant. Zum einem beschreibt es eine stumme Statistenrolle, zum anderen eine Person, die jemand anderes repräsentiert oder nicht nach eigenem Willen handelt. Gleich im doppelten Sinne treffen die Definitionen zu. Der Protagonist begibt sich vordergründig zu einem Job als Komparse. Gleichzeitig scheint er nie ganz sich selbst zu sein. Die Vorbereitung wirkt eher wie ein Weg zum Schlachthof. Dem Mann wird der Rest seiner Identität – nämlich seine Kleidung – genommen und in eine verdreckte Tüte gestopft; eine falsche Narbe wird ihm auf die Stirn geschminkt. Er bekommt eine Waffe, dessen Munition er nicht anfassen darf. Die anderen Komparsen sind eher gelassen, die Arbeiter:innen fokussiert. Sie rufen sich Kommandos zu und treiben die Komparsen von einem Punkt zum nächsten. Lediglich der Namenlose wirkt verunsichert. Ist er einfach nervös? Allmählich fängt seine aufgeschminkte Narbe an zu bluten. Ist es sein Blut, oder unechtes? Im Schauspiel nimmt man sich einer Rolle an; man verkörpert etwas, das man nicht ist. Doch wie viel nimmt man mit, wenn man schauspielert? Wie viel gibt man von sich ab?

FIGURANT brilliert an dieser Stelle durch nahe Kameraführung und einem pulsierend beunruhigenden Sounddesign, und schafft somit eine dichte Atmosphäre. Diese transportiert all die Verunsicherung, die der Namenlose verspürt. Die Juxtaposition der inneren Unruhe des Namenlosen und der Selbstverständlichkeit der Menschen um ihn herum verstärken nur das Gefühl, dass etwas nicht stimmt.
Als er schließlich soweit ist, schreitet er durch Geäst und Pflanzen und steht plötzlich in einem dichten Wald. Um ihn herum stehen Soldaten in der gleichen Uniform wie er. Sie plaudern entspannt, wieder wird er nach einem Feuerzeug gefragt. Er findet eins in seiner neuen Uniform, doch als sich der Soldat über das Feuer beugt, knallt es plötzlich. Blut spritzt, die restlichen Soldaten springen auf. Ein weiterer Schuss. Und dann geht alles ganz schnell. Die Soldaten rennen in alle Richtungen, Kugeln fliegen durch den Wald. Einige Soldaten fallen. Die Angst steht dem Namenlosen ins Gesicht geschrieben. Er ist überfordert, völlig hilflos. Schließlich wird er getroffen, ein feindlicher Soldat erscheint über ihn und schießt aus nächster Nähe ...

Der Übergang von brodelnder Bedrohung zu explosiver Gewalt ist schockierend; der vorläufige Höhepunkt einer unaufhaltsamen Zuspitzung die von der ersten Sekunde ausgestrahlt wurde. Die zuvor nur aus dem inneren des Namenlosen strömende Unruhe wird nun externalisiert. Doch so schnell es begann, endet es wieder.

Denn er stirbt nicht. Stattdessen richtet er sich wieder auf, die Soldaten um ihn herum lächeln, quatschen wieder miteinander. Der Mann im Tarnanzug, der ihn gerade noch niedergejagt hatte, greift in seinen Rucksack. Es ist der letzte Schritt hin zu einem surrealistischen Fiebertraum, in dem sich der Namenlose wiederfindet. Gerade noch erschossen vom Feind, wird ihm jetzt etwas zu trinken angeboten.

Jan Vejnar schafft ein nervenaufreibendes Spiel mit der eigenen Wahrnehmung. In Kombination mit einem überzeugenden Denis Lavant (der vor allem durch seine Kollaborationen mit Leo Carax und Claire Denis' BEAU TRAVAIL bekannt ist) in der Hauptrolle ist FIGURANT fordernd, einnehmend, aber vor allem mitreißend.

Wieder zurück in der Fabrik sucht er seine Kleidung, findet sie jedoch nicht. Ihm wurde die falsche Tüte gegeben. Er zieht sich die fremde Kleidung an, nimmt das verdiente Geld und verlässt bei Sonnenschein die Fabrik. Er zündet sich eine Zigarette und bemerkt im Gehen die Narbe, die ihm immer noch auf der Stirn klebt. Zunächst beiläufig, jedoch zunehmend stürmisch versucht er sich diese von der Stirn zu kratzen. Ein letztes Überbleibsel seines Traumes.