Kritikenblog: Viola Gresik zu IM SPIEGEL

von Viola Gresik

Es schneit. Ein Mann steht seiner Frau bei der Geburt der gemeinsamen Tochter bei. Ihr Name ist Schneewittchen. Es ist eines der bekanntesten Märchen, die bis heute überdauert haben. Wahrscheinlich nicht zuletzt dank der Filmadaption von Walt Disney 1937, die als erster abendfüllender Animationsfilm in die Filmgeschichte eingegangen ist.

Märchen haben schon immer guten Stoff für Filme geboten. Nicht nur die romantisierten Animationsversionen von Disney, auch zahllose Realverfilmungen und andere Animationsfilme lassen sich im Lauf der Geschichte finden. Das Reizvolle an Märchenstoffen ist neben einer hohen Wiedererkennung bestimmt auch die vielfältige Adaptierbarkeit. Die Grenzen dafür sind unendlich. Aus diesem Grund wenden sich wohl auch immer wieder, nicht nur Autoren, sondern besonders auch Filmschaffende Märchen zu, um sie neu zu entdecken.

Eine aktuelle Adaption des Märchenstoffes ist IM SPIEGEL von Laila Pakalnina aus dem Jahr 2020, produziert in Lettland und Litauen. Der 85-minütige Spielfilm setzt das Märchen in die Gegenwart und situiert es in einem Fitness Studio. In Schwarzweiß folgen wir den Figuren durch die Handlung, immer direkt im Geschehen, fast Teil davon, durch eine durchgehende Nutzung eines Frontkameraformats. Schneewittchen durch die Selfiekamera. Wie im Märchen aus dem alten Buch im Regal, beginnt der Film in einer verschneiten Nacht. Hier findet die Geburt allerdings in einem wie eine Sänfte getragenen Auto statt, der werdende Vater fokusiert sich auf seine Frontkamera, statt auf seine Frau. Das Kind bekommt den Namen Schneewittchen. In kurzen Sequenzen werden die nächsten Teile der Geschichte gezeigt. Die Beerdigung, die Begegnung mit der neuen Frau im Fitness Studio (hier wird der Spätere Eifersuchtsfaktor etabliert: Burpees – Liegestützsprünge), die folgende Hochzeit, immer durch die Linse des Selfies.

Und im Fitness Studio schafft Schneewittchen dann auch mehr als 50 Burpees und schlägt damit den Rekord ihrer Stiefmutter, die ihn bis dahin gehalten hat. In vielerlei Hinsicht hält sich IM SPIEGEL nahe am Original, übersetzt die entsprechenden Faktoren, damit die Handlung um eine Prinzessin zu einer um die Tochter eines Fitnesstrainers passt. Statt eines Jägers, der das Herz des Mädchens zurückbringen soll, wird ein unwissender Abfallentsorger engagiert, der eine Kiste mit einem wild gewordenen Hund in die Verbrennungsanlage bringen soll. Das Beweisstück hier das angekokelte Halsband, das Schneewittchen am Arm trägt. Statt sieben Zwergen trifft sie im Wald sieben Typen, die in einem Glashaus mitten im Wald wohnen und ihre Tage mit Sport, statt mit Bergbau verbringen. Als sie Schneewittchen dort finden, dreht sich die weitbekannte Szene „Wer hat aus meinem Tellerchen gegessen? – Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen? Wer hat aus meinem Becherchen getrunken? ...usw" allerdings um. Stattdessen finden sie nämlich keine Unordnung, sondern ein aufgeräumtes Haus. Nachdem sich herausstellt, dass Schneewittchen nicht nur Burpees, sondern auch Pancakes machen kann, behalten die sieben Typen sie gerne bei sich.

Im weiteren Film versucht die Stiefmutter mit den gleichen Gegenständen wie im Original, Schneewittchen auszuschalten – einem Gürtel, einer Haarspange und dem halb vergifteten Apfel – letzterer als ein scheinbares Friedensangebot, um dem Vater ein Selfie von der Versöhnung zu schicken. Als die Typen Schneewittchen zum dritten Mal bewusstlos finden und ihr diesmal nicht helfen können, landet sie jedoch nicht in einem Glassarg, sondern in einem hohlen luftgepolsterten Ball. Dort wird sie von einem Kurator des Museums für moderne Kunst entdeckt, der nach einem neuen Exponat sucht. Um ihr Haus für sich zu behalten, geben die Zwerge Schneewittchen weg. Schneewittchen erwacht, als bei der Platzierung der Ball platzt, und heiratet den Kurator. Wir erleben auch die Hochzeitsfeierlichkeiten über die Frontkameras der Gäste.

Der Film erzählt das bekannte Märchen in einem neuen Setting und definitiv aus einer neuen Perspektive, die konsequent und auch logisch durchgehalten wird. Wenn nicht die Protagonist:innen die Kamera selbst halten, dann laufen sie stattdessen durch den Hintergrund in den Selfies anderer Figuren. Der Film treibt die Selbstdarstellung in unserer digitalen Welt auf die Spitze und persifliert diese ständige Form der Dokumentation. In seiner Form bietet er so einen interessanten neuen Blick auf bekannten Stoff, der inhaltlich allerdings an einigen Stellen zwischen Ernsthaftigkeit und Parodie sitzt, sodass man nicht sicher ist, wie erst der Film sich selbst nimmt oder genommen werden möchte.