Kritikenblog: Cornelia Dertinger zu IM SPIEGEL

von Cornelia Dertinger

Ich versuche dagegen anzukämpfen, aber es hilft nichts. Seit der ersten Minute dieses Films spielt in meinem Kopf das Lied des deutschen Rappers Alligatoah: „Du bist schön, aber dafür kannst du nichts!" Na ja gut, so stimmt das nicht ganz. Was die Darsteller:innen an sportlichen Leistungen in dem Film IM SPIEGEL vor der Kamera erbringen, ist durchaus erstaunlich. Die Handlung von „Schneewittchen" ist wohl jedem geläufig. IM SPIEGEL ist eine modernisierte Version des grimmschen Märchenklassikers, den die Filmemacherin Laila Pakalniņa zur Kritik am heutigen Schönheitswahn und Fitness-Kult ummünzt. Schneewittchens Vater ist kein König, sondern der Besitzer eines Fitnessstudios. Die sieben Zwerge sind keine Männlein, die in einer Mine arbeiten, sondern sieben Fitnessfreaks, die sich im Wald ihr Trainingslager aufgebaut haben. Und die zentrale Fragestellung ist nicht mehr, wer die Schönste ist, sondern wer mehr Burpees schafft. Als Schneewittchen den Rekord ihrer Stiefmutter um drei Burpees übertrumpft, sieht Letztere keinen anderen Ausweg als Schneewittchen zu töten.

Laila Pakalniņa lässt die Geschichte durchgehend mit Selfie-Videos erzählen. Die Figuren scheinen permanent Content für ihr Instagramprofil zu produzieren: Sie durchbrechen die vierte Wand, haben die Kamera selbst in der Hand und sprechen zu dieser. Das kann etwas verstörend wirken und irgendwie hat man das Gefühl, permanent unter Beobachtung zu stehen. Der große Nachteil der Selfie-Videos: Die Gesichter der Darsteller*innen und ihre Mimik rücken ins Zentrum. Diese wirkt jedoch oft ausdrucklos und starr. Hin und wieder kann man den Schauspieler*innen sogar beim Denken zusehen, wenn sie versuchen in ihre Rolle zu finden, es ihnen aber nur mühevoll gelingen will.

Hinter den großen Gesichtern im Vordergrund präsentieren die meiste Zeit gut aussehende Menschen mit trainierten Körpern ausgefallene Sportübungen. Sie sind dabei dauerhaft perfekt gestylt. Ob sie auch etwas im Kopf haben, bleibt fraglich. Schneewittchen akzeptiert beispielsweise die Herausforderung ihrer Stiefmutter in eine Kiste zu springen und darin bis eine Millionen zu zählen. Auch nach ihrer Befreiung zählt sie stur weiter und freut sich schließlich wie ein kleines Kind, dass nach fünf Jahren quengeln endlich den heiß ersehnten Riesenteddybär bekommt, als sie tatsächlich die Millionen erreicht. Darüber hinaus folgt sie den Anweisungen einer unbekannten Person im Bärenkostüm, die ihr erzählt, sie solle sich mit einem Gürtel um den Hals an der Schaukel festbinden, damit sie nicht runterfällt. Getoppt wird das Ganze nur von ihrem unschuldig verträumtem Blick und irgendwelchen pseudotiefsinnigen Gedichten, die sie vor sich hin murmelt. 

So absurd als das erscheint, was dort auf der Leinwand vor sich geht: Es ist ein erschreckender Moment, wenn man erkennen muss, dass Laila Pakalniņa die heutige Gesellschaft besser portraitiert hat, als man es wahrhaben will. Der Kult um den eigenen Körper, die Fitnessfreaks, der Wettbewerb um die besseren sportlichen Leistungen und die ständige Selbstinszenierung: All das spiegelt die heutige Gesellschaft wieder. Das einzige, das einem klar macht, dass diese Aufnahmen nicht von einem realen Account einer Social Media Plattform stammen, ist die Tatsache, dass sie im Querformat aufgenommen wurden - ein absoluter Influencer-Anfängerfehler.
Der Film ist aber nicht nur Kritik, sondern formuliert zugleich eine Warnung vor zu viel Konzentration auf sich selbst. Es macht einem Angst zu sehen, wie die Figuren nur auf ihre eigene Inszenierung bedacht sind und kaum mitbekommen, was um sie herum passiert. Es gibt nur wenig Interaktion und wenn doch, ist sie kurz und ohne tieferen Sinn. Jedes Miteinander bleibt oberflächlich. So wird IM SPIEGEL zu einem Märchenfilm der besonderen Art. Er bleibt kühl und beinahe emotionslos. So wenig Liebe wie in dieser Variante gibt es wohl in keiner anderen Verfilmung des Klassikers.