Kritikenblog: Nicole Aschhoff zu URAL

von Nicole Aschhoff

URAL ist ein animierter Kurzfilm der Regisseurin Alla Churikova aus dem Jahr 2019. Der Film erzählt, unterteilt in fünf Abschnitte (Winter, Frühling, Sommer, Herbst, Frühling) die Geschichte ihres Vaters anhand ihrer Erinnerungen an ihre Kindheit in Russland und den Memoiren ihres Vaters. Der Vater ist Soldat und häufig für längere Zeit nicht Zuhause. Seine kleine Tochter wartet auf ihn. Einmal kommt er jedoch besonders lange nicht wieder, denn er wurde bei einem Atombombentest so schwer verstrahlt, dass er ins Krankenhaus musste.

Eine besondere Stärke des Films ist die Vermittlung von Emotionen und Gefühlen. Es werden nicht nur die jeweiligen Jahreszeiten farblich untermalt, sondern gleichzeitig die Emotionen der Protagonistin. Der verregnete Herbst etwa, in dem der Vater wegen der Verstrahlung im Krankenhaus liegt, unterstreicht mit seinen grau-schwarzen Farben und dem anhaltenden Regen die Sorge und Angst der Familie. Der Film blickt visuell meist von außen, bzw. aus der Perspektive der Erzählerin auf das Geschehen, doch gelegentliche Wechsel zu dem Blickwinkel ihres jüngeren Ichs unterstreichen ihre kindliche Wahrnehmung zur Zeit der Geschehnisse.

Nachdrücklich werden auch die Auswirkungen der Atombombe gezeigt. So wird zunächst der Ort, an dem sie gezündet werden soll, als idyllische Natur beschrieben. Das Zünden der Bombe und die Folgen werden nicht durch Animationen, sondern von Fotos und Videoaufnahmen gezeigt, die einen starken Kontrast zu den schönen, gezeichneten Animationen darstellen. Auf der Ton-Ebene ist bei der Detonation völlige Stille. Anschließend setzt eine bedrohlich und traurig klingende Musik ein. Auf diese Weise wird die Erschütterung des Lebens der Familie, aber auch die zu erwartenden Folgen für die Soldaten besonders hervorgehoben. Nur ein animierter Elch taucht auf, der zuvor durch die wunderschöne Steppe lief. Nach der Explosion ist er so schwer verletzt und verstrahlt, dass er erschossen werden muss. So wird die verehrende Zerstörung durch die Bombe und deren Strahlung auch auf animierter Ebene verdeutlicht.

Sehr passend ist auch die Umsetzung der geschriebenen Erzählungen des Vaters, die untermalt von seiner Stimme und mit seiner Handschrift im Hintergrund, durch die Animationen zum Leben erweckt werden.

Insgesamt ist der Film sehr sehenswert und voller Momente, in denen das Erzählte in den Animationen symbolisch eindringlich widergespiegelt wird. Es ist ein sehr emotionaler Film, der die Auswirkungen solcher Atomtests auf einer persönlichen Ebene deutlich macht und diese verurteilt, ohne es direkt auszusprechen. Ein Film, der mitfühlen lässt und im Kopf bleibt.