Kritikenblog: Leon Wille zu CHUPACABRA

von Leon Wille

Meerrauschen, sanfter Wind, ein einsames Boot auf dem Wasser, ein langer Blick durch den Hals einer Flasche. Was verbirgt sich dort hinten auf der anderen Seite des Meeres?

In solch bedrückend ruhigen Bildern führt CHUPACABRA Zuschauenden vor Augen, wie die kindliche, naive Fantasie eines Jungen immer weiter an der realen Welt zerbricht. Im Zentrum der Erzählung steht der 9 Jährige Andrej, ein Kind, das von der Welt allein gelassen scheint. Seine Mutter sieht in ihm lediglich einen Problemquell und will ihn auf ein Internat schicken, der Vater ist Alkoholiker und möchte nichts von ihm wissen. Lediglich seine Cousine Lena scheint gerne mit ihm Zeit zu verbringen, auch wenn die beiden durch ihren Altersunterschied zunehmend voneinander entfremdet werden. Sie erzählt ihm mythische Geschichten von Hexen und befeuert Andrejs Abenteuerlust. Auch die Medien prägen Andrejs Sicht auf die Welt. Der Titel gebende Chupacabra oder Andrejs Vorstellung davon taucht dabei nur äußerst dezidiert auf. Was der Junge in dem streunenden und letztlich sterbenden Hund sieht, wird dabei nicht wie in etwa Guillermo del Toros PANS LABYRINTH in bildgewaltigen Szenen gezeigt, sondern bleibt in Andrejs Kopf. Und dennoch liegt die größte Stärke des Films in seiner Bildsprache und der daraus entstehenden Atmosphäre. Die Szenen tosender Wellen die ans kiesige Ufer schlagen wecken nicht etwa Urlaubsasso-ziationen, sondern kreieren Bilder der Einsamkeit und Orientierungslosigkeit. Andrej wirkt verloren in diesen weitläufigen kargen Landschaften, deren einzige musikalische Untermalung das triste Rauschen des Windes bildet. Ansonsten dominiert Stille.

Hervorzuheben ist dabei auch die schauspielerische Leistung des jungen Platon Kuzmich. Er verkörpert den kleinen Jungen mit stetig ernster Miene, der in dem von seiner Mutter antrainierten Dogma, keine Schwäche zeigen zu dürfen selbst den leisesten Anflug eines Lächelns unterdrückt, mit Bravour. Es ist seine Geschichte, Andrej sieht sich als Chupacab-ra, als den wilden Streuner, den die Menschen fürchten. Er glaubt, er könne in dieser Welt alleine bestehen, versucht sich selbständig etwas zu verdienen und möchte sich nicht vor-schreiben lassen, wohin er zu gehen hat. Doch Zuschauer:innen ist schmerzlich bewusst, dass diese Selbstständigkeit letztlich nicht mehr als ein Teil seiner naiven kindlichen Fantasie ist. Hilflos müssen wir dabei zusehen, wie Andrej im Glauben sich retten zu können, sein tragisches Schicksal besiegelt.