Kritikenblog: Jessica Schärer zu CHUPACABRA

von Jessica Schärer

„Lass mich nicht allein, Chupacabra..."

Ein Junge und sein Hund. Auch Grigory Kolomytsevs 75-minütiger Debüt Feature Film CHUPACABRA (RUS 2020) greift dieses klassische Konzept einer besonderen Verbindung zwischen Mensch und Tier auf und erzählt dabei eine Geschichte der etwas anderen Art. Der kleine Andrey (Platon Kuzmich) lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter (Tatiana Knyazeva) in einer abgelegenen Siedlung am Meer. Diese kann ihrem Sohn nicht nur schwerlich mütterliche Gefühle entgegenbringen, sondern ist durch ihre finanzielle Lage und alleinige Verantwortung für sich und Andrey so überlastet, dass er kurzerhand auf ein Internat geschickt werden soll. Für Andrey beginnt daraufhin eine Zeit der Unsicherheit, der Selbstständigkeit und der Flucht vor dem Erwachsenwerden. Als er bei einem seiner Streifzüge nach Pfandflaschen einem Hund begegnet und diesen kurze Zeit später sterbend am Strand vorfindet, ist der Junge davon überzeugt den sagenumwobenen Chupacabra gefunden zu haben, der seit einiger Zeit für Unruhe sorgt und das Kleinvieh der Menschen vor Ort reißt. Nachdem dieser letztendlich stirbt und Andrey ihn auf den steinigen Klippen am Strand beerdigt, ist er der festen Überzeugung nun selbst zum Chupacabra geworden zu sein.

Kolomytsevs Figur des Andrey stellt einen Jungen dar, der sich mit einem Fabelwesen identifiziert, das wie er selbst keinen Platz in der Welt zu haben scheint und sich lediglich durch seine Schlechtigkeit und Defizite auszeichnet. Selbst seine Beziehung zu seiner älteren Cousine Lena (Karina Alexandrova), welche einer der wenigen Menschen darstellt, die sich mit ihm beschäftigen und sich um ihn sorgen, wird stetig durch ihre Beziehung zum motorradliebenden Shamil untergraben.

Die meiste Zeit ist Andrey am Strand, in Höhlen, auf Klippen oder in der fahl wirkenden Landschaft seines Heimatortes zu sehen. Ohne einen Platz an dem er sich niederlassen kann befindet er sich in stetiger Bewegung, mit dem ständigen Wunsch aufs Meer hinaus zu segeln. Die karge Landschaft und ungestüme See werden durch intensive Geräusche wie das Wehen der Böen oder das Pfeifen des Windes nochmals verstärkt hervorgehoben und zu einer maßgebenden Komponente des Films. Diese naturprominenten Szenen machen Andreys eigene mystische kleine Welt besonders deutlich. Der Film versucht die Sicht eines Jungen zu zeigen, der sich in jeglicher Weise als Außenseiter sieht und dem letztendlich nur die Flucht in seine eigene Vorstellungskraft bleibt um der Realität zu entkommen, die ihn immer wieder zurechtweißt und verstößt. 

CHUPACABRA ist ein Drama, das sich mit den Problemen der Arbeiterklasse, alleinerziehenden Eltern, Alkoholsucht und der in diesem Fall daraus resultierenden Kindesvernachlässigung beschäftigt. Was den Film dabei allerdings auszeichnet ist die Art und Weise wie diese Problematiken durch Andreys Sicht dargestellt werden. Trotz der Tatsache, dass seine Flucht vor der Realität durch die Identifikation mit einem Fabelwesen visualisiert wird, besticht der Film trotz allem besonders durch seine beinahe schon ernüchternde Realitätsnähe.