Kritikenblog: Vidhya Pfeifer zu 2020: A COVID SPACE ODYSSEY

von Vidhya Pfeifer

"When you look back on the Earth with your own eyes, you see this fragile blue ball down there in its entirety, with everything you know, every experience you've ever had, every place, every person. It really does give you a profoundly different feeling for your place in it." - Jessica Meir

Wenn die gesamte Welt etwas durchlebt, eine Krise, ein Trauma, und du schaust vom Weltall dabei zu – wie fühlt sich das an? Was sich wie ein Gedankenexperiment anhört, ist für die Crew der Expedition 61 und 62, Oleg Skkripochka, Andrew Morgan und Jessica Meir, Realität. Die Regisseur:innen Alina Manolache und Vladimir Potop haben sie dabei begleitet und diese ganz andere Realität für uns zugänglich gemacht.

Der Dokumentationsfilm 2020: A COVID SPACE ODYSSEY (eine Homage an 2001: A SPACE ODYSSEY) fokussiert sich insbesondere auf die Erfahrung von Meir, deren Präsenz und Ehrlichkeit die Regisseur:innen inspirierte. Gezeigt werden der Raketenstart, das Ankommen auf der Raumstation und das alltägliche Leben dort, begleitet von Voiceovers der Astronautin. Jessica Meir gewann Aufmerksamkeit als sie und Astronautin Christina Koch 2019 den ersten Spacewalk durchführten, an dem nur Frauen beteiligt waren. Dieser historische Moment ist auch im Film inkludiert. In einer Sequenz wird das Leben im All dokumentiert, während Fragen von Menschen auf der Erde zu hören sind, welche die typischen Bedingungen des Lebens als Astronaut*in verstehen möchten. Es wird eine positive Stimmung vermittelt. Meir erfüllt sich mit dem Spacewalk einen langersehnten Traum. Dann kommt die nächste Frage, mit der die Stimmung kippt: "Is everyone in your family and friends doing okay?" Daraufhin überhäufen sich die Stimmen von der Erde, bis eine Frage kommt, die dem vorangestellten Gedankenexperiment ähnelt: "What's it like to experience the global pandemic from orbit?" Die Hilflosigkeit und Distanz zu den eigenen Angehörigen und der gesamten Welt, fällt Jessica Meirs schwer in Worte zu fassen. Sie ist überfordert und doch optimistisch. Eine Antwort auf die Frage bleibt leider aus.

Generell wird in 2020: A COVID SPACE ODYSSEY wenig gesprochen. Der Film beinhaltet nicht viel Dialog, Fragmente aus Interviews von Meirs bilden den roten Faden, der die Geschehnisse und Entwicklungen kommentiert. Einerseits fehlt dadurch die emotionale Tiefe und Offenbarung komplexer Gedankengänge, die bei der Prämisse des Films zu erwarten war. Andererseits lassen uns Manolache und Potop dafür mehr Raum, das Gesehene und Gehörte zu verinnerlichen und sich in die Situation von Meir und ihrer Crew hineinzuversetzen. Auf welcher Seite der Argumentation ich mich befinde, habe ich noch nicht entschieden.

Trotz der Kürze des Filmes – 15 Minuten – lässt er sich Zeit, die Aussagen und Emotionen wirken zu lassen, ohne zu überladen zu wirken oder die Zuschauenden zu überfordern. Erst im letzten Drittel wird die Corona-Pandemie zum Thema im Film. Manolache und Potop haben sich dafür entschieden, die Zuschauer:innen zu überraschen – genauso wie Meir, ihre Crew und auch die gesamte Menschheit auf der Erde. Diese Dynamik, gepaart mit dem bescheidenen Drehbuch, verweigert jedoch eine nuancierte Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Thema. Die Dokumentation lässt das Ende offen. Die Gedanken und Sorgen der Astronaut:innen werden nicht aufgelöst. Wir beginnen und enden mit dem Start- und Rückflug. Einsamkeit, Isolierung und Hilflosigkeit sind Gefühle, mit denen wir uns seit dem Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 zu unterschiedlichen Graden auseinandersetzen müssen. Durch den relativ geringen Dialog im Film und die eindrucksvollen, distanzierten Bilder zur Erde wird die Isolierung und Hilflosigkeit der Astronaut:innen wie ein Spiegel zu unseren eigenen Gefühlen sichtbar. Besonders Jessica Meirs Reflektion über die Fragilität der Menschheit und der Bedeutung der eigenen Rolle im Gesamtkontext knüpft hier an. 

Filme, die im Weltall situiert sind, gibt es inzwischen weit und breit. Auch wenn viele fiktiv sind, scheint es doch, durch diesen hohen Sättigungsgrad, zu einer Art Normalität zu werden, Bilder von einem Leben fern von der Erde zu sehen. Doch wenn ein Film wahrhaftige Realität abbildet und reale Menschen, nicht von Schauspieler:innen verkörperte Rollen, auf ihrer Reise begleitet, können diese Bilder umso stärker als Reflexion zur menschlichen Existenz dienen. Das Besondere an diesem Film, die zeitliche Überschneidung mit der Corona-Pandemie, bekommt leider nicht die gebührende Aufmerksamkeit. Die Bilder sind imposant und regen zum Nachdenken an, die Protagonistin ist sympathisch und reflektiert ihre Erlebnisse greifbar. Jedoch fehlt etwas, da die ursprüngliche Intention zum Dreh von 2020: A COVID SPACE ODYSSEY nicht detailliert besprochen und ausgehandelt wird. Und doch inspiriert Jessica Meirs Perspektive und lässt uns hoffen: "The earth still looks equally as stunning as it looked several months ago, before all of this happened."