blogEast

blogEast ist ein neues Projekt von goEast - Festival des Mittel- und Osteuropäischen Films. Wir erklären uns hiermit solidarisch mit unseren Kollegen/innen und Freunden/innen aus den Mittel- und Osteuropäischen Ländern, die gerade, bedingt durch die Covid-19 Pandemie, mit großen Herausforderungen konfrontiert werden. In den kommenden Wochen werden hier Blogbeiträge veröffentlicht, welche sowohl filmische als auch politische und soziale Facetten der Situation beleuchten und die Geschehnisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. blogEast wird durch das goEast Team betreut und ist Teil des vom Kulturfonds Frankfurt Rhein Main geförderten Rahmenprogramms Paneuropäisches Picknick.

Na und?

Sie haben mir gefehlt. Diese ganzen sozialen Veranstaltungen haben mir gefehlt. Wir finden sie doch alle gut, oder? Die Techno-Partys haben mir vor allem gefehlt. Die Partys, die es in meinem Land sowieso gar nicht gibt.

Bevor ich mich ans Tippen machte, wollte ich meine Kopfhörer aufsetzen. Wie gesagt, mir hat die Technomusik gefehlt. Ausgehen kann ich nicht, dafür ist jetzt alles auf einmal „live". Alles, was wir sonst in echt gesehen haben in unserem „normalen" Leben. Und diejenigen, die bereits online waren, sind jetzt „LIVE". Sogar Festivals. Ja, die riesigen Festivals, an denen wir eh nicht teilnehmen konnten. Jetzt gehen sie „live". Juhu! Ich komme später noch einmal darauf zurück, wenn ich es nicht vergesse. Jedenfalls merkte ich, dass der Akku in meinen Kopfhörern leer war. Das AUX-Kabel sollte seit dem letzten Einsatz immer noch in der Tasche meiner Reisekamera sein. Das passiert jetzt öfters. In den letzten Tagen fällt mir auf, dass die Geräte aus meiner Tragetasche langsam an meinen Schreibtisch wandern. Der Grund ist klar: Seitdem die aserbaidschanische Regierung den Lockdown angeordnet hat, gehe ich nicht raus. Ich will mich nicht über die Regierung beschweren. Sie haben nicht tatenlos zugesehen, ganz im Gegenteil: Bisher haben sie recht gut und schnell reagiert. Wir glauben auch, dass es in unserer Verantwortung liegt, die Kurve zu glätten, indem wir uns für eine Weile abschotten. Keiner weiß, wie lange das dauern wird, aber ich glaube, nicht besonders lange. Zumindest nicht in meinem Land.

Am Anfang war es schwer. Die Behörden haben neue Bestimmungen erlassen und man kann jetzt nicht aus dem Haus, ohne dafür eine Erlaubnis über SMS erhalten zu haben. Die Erlaubnis ist zwei Stunden lang gültig. Egal, wofür. Mit Ausnahme von Notfällen. Aber sogar die Notfälle müssen mit einer unterschriebenen Erklärung bescheinigt werden. Über sämtliche offizielle Schilder und Werbetafeln wurde #stayhome gekleistert. Die ganzen bedrohlichen und nervenaufreibenden Nachrichten passen zu den Entscheidungen unserer Regierung, wie die Faust aufs Auge. „Gehen Sie nicht raus, es ist gefährlich. Auch wenn es Ihnen egal ist, wir wollen Stabilität." Wer das Haus verlässt, kriegt also eine Strafe. Es war nicht schwer, das zu verstehen. Die letzten 30 Jahre, seit unserer Unabhängigkeit, haben wir in Aserbaidschan ein miserables Gesundheitssystem. So ein unverschämtes Virus, das sich von einem drakonischen Regime nichts sagen lässt, ist eine ernsthafte Bedrohung für die aserbaidschanischen Behörden. Sie können COVID-19 nicht wegen falscher Anschuldigungen hinter Gittern bringen, deswegen muss die Bevölkerung dafür zahlen.

Ein solches historisches und globales Phänomen ist für uns, Kinder des 21. Jahrhunderts, eine neue Erfahrung. Vor allem für Menschen wie mich: Die meiste Zeit arbeite ich draußen hinter der Kamera oder recherchiere und suche neue interessante Geschichten. Seit Beginn der Pandemie verfolge ich aufmerksam die Nachrichten, höre, lese und gucke verschiedene Medien und suche verzweifelt nach ein wenig Hoffnung und Beruhigung, während ich meinem dreijährigen Kind zu erklären versuche, warum wir nicht nach draußen gehen oder in die Vorschule können und den ganzen Tag von Zuhause arbeiten. Ein Gedanke aus einem Artikel hat sich mir eingeprägt. Es war die Hypothese, dass die Krise durch strikte Beschränkungen viel besser bewältigt werden kann und weniger Schaden entsteht als in Ländern, wo sich die Bürger*innen nicht einfach so unter strengen Auflagen zu Hause einsperren lassen. Diese Theorie hört sich sehr schlüssig an und deswegen versagen unsere Behörden eben auch nicht komplett. Ich glaube, es ist ein strittiger Gedanke, aber er stimmt mich hoffnungsvoll und zuversichtlich, dass wir ohne größere Katastrophe durchkommen werden. Längere Zeit daheim zu sitzen, bringt allerdings andere Schwierigkeiten mit sich, ganz abgesehen von den finanziellen und psychologischen. Die Kreativität versickert langsam und wir sitzen auf begrenztem Raum fest, ohne geregelten Tagesablauf. Also, die Kreativität verlässt einen eigentlich nicht komplett. Man ergänzt damit seinen Alltagstrott, damit sich die Tage voneinander zumindest ein wenig unterscheiden. Vor allem, wenn das Kind immerzu fragt: „warum?" Genug gejammert, oder?

Man sagt: "Schließt sich eine Tür, öffnet sich eine andere." Vielleicht ist es der Moment, mehr an anderen Projekten zu arbeiten, wie an DokuBaku, dem einzigen unabhängigen internationalen Festival für Dokumentarfilm in Aserbaidschan, dessen vierte Ausgabe im Oktober ansteht. Hoffentlich! Deswegen sehe ich die Zeit gerade auch als Chance, uns mehr auf unser Festival konzentrieren zu können. Es ist traurig, wie die ganze (Film-) Industrie von der Natur beeinträchtigt wird. Und es wirkt auch egoistisch, über unsere Pläne zu sprechen, während ich gleichzeitig „traurig" über die Ereignisse bin.

Ist das die Lösung oder das Problem? Wir wissen es nicht. Wir können es nicht beurteilen. Wir sind nicht die Herren des Planeten. Jetzt ist eine gute Gelegenheit, unsere Ambitionen zu hinterfragen. Uns genauer zu fragen: Wo kommt die Motivation her, unsere Umwelt zu zerstören? Warum fehlt uns unser „normales" Leben? Ach ja, genau! Es fehlt uns, auszugehen und die Natur noch mehr kaputt zu machen, zu konsumieren, wie Monster. Wir können nicht ohne. Wir können nicht einmal Pause machen. Wir haben uns nicht im Griff. Es fehlt uns. Uns fehlen die ganzen sozialen Veranstaltungen. Wir finden sie doch alle gut, oder?

PS: Jetzt habe ich doch vergessen, über die „LIVE" Festivals zu schreiben.

Oktay Namazov