blogEast

blogEast ist ein neues Projekt von goEast - Festival des Mittel- und Osteuropäischen Films. Wir erklären uns hiermit solidarisch mit unseren Kollegen/innen und Freunden/innen aus den Mittel- und Osteuropäischen Ländern, die gerade, bedingt durch die Covid-19 Pandemie, mit großen Herausforderungen konfrontiert werden. In den kommenden Wochen werden hier Blogbeiträge veröffentlicht, welche sowohl filmische als auch politische und soziale Facetten der Situation beleuchten und die Geschehnisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. blogEast wird durch das goEast Team betreut und ist Teil des vom Kulturfonds Frankfurt Rhein Main geförderten Rahmenprogramms Paneuropäisches Picknick.

Weiter über Filme schreiben

Im internationalen Vergleich steht Lettland sehr gut da – die Zahlen der Infizierten und der Corona - Toten sind niedrig, die Geschäfte, Restaurants und Cafés haben immer noch auf. Der Lockdown wird voraussichtlich bis zum 12. Mai andauern. Mitte März wurden alle Kultureinrichtungen geschlossen, der letzte Film, der vor dem Ausnahmezustand in Riga gedreht wurde, war der amerikanische Fantasy-Thriller Warhunt mit Mickey Rourke.

Alle mit der Filmproduktion und Distribution verbundenen Vorgänge wurden schon am 24. März von der lettischen Regierung auf die Liste der Unternehmen gesetzt, die die staatlichen Zuschüsse für den Arbeitsstillstand für ihre Mitarbeiter beantragen dürfen. Zwar weiß man inzwischen, dass diese Corona-Gehälter meistens sehr mickrig ausfallen. Auch sehr viele Filmfachleute, die als Freelancer arbeiten, haben Probleme an die staatlichen Beihilfen zu kommen. Die Regierung justiert aber ständig nach. Zurzeit werden die Rettungsmaßnahmen für die Kulturbranche ausgearbeitet. In der lettische Filmwirtschaft ist die Angst sehr groß, dass die Covid-Krise diese in die karge Zeit von Anfang der 90er zurückwerfen könnte als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Filmbranche sich neu aufstellen musste. Dieses Trauma schien erst 2018 mit dem Filmförderprogramm zum 100jähigen Bestehen Lettlands endlich wieder überwunden zu sein.

Worüber sollen wir aber als Filmportal schreiben, wenn keine Filmpremieren stattfinden? Die logische Handlung in dieser Lage sind Streaming-Tipps und Bestandsaufnahmen der aktuellen Ereignisse in der Filmwirtschaft. Das fühlt sich aber auf eine Art und Weise als eine Verarmung der Diskursformen über den Film an. Denn die Berichterstattung zu jedem größeren lettischen Film in Kino Raksti – dem einzigen Magazin, das nur dem Kino gewidmet ist - besteht aus mindestens zwei ausführlichen Filmkritiken, Interviews und analytischen Artikeln, die das neue Werk kontextualisieren. 

Deshalb haben wir die Entscheidung getroffen, dass wir weiterschreiben. 

So feierte der neue Dokumentarfilm First Bridge von Laila Pakalniņa seine Weltpremiere bei Visions du Réel, in Lettland wird dieser erst im Oktober zu sehen sein. Wir haben eine Filmkritik zu diesem Elfminüter publiziert. Der neue Spielfilm des lettischen Altmasters Yevgeny Pashkevich What Silent Gerda Knows hätte am 21. April im opulentem Splended Palace seine Premiere haben sollen. Auch, wenn der Film noch kein Kinoleben hat anfangen dürfen, publizieren wir schon die erste Kritik dazu. Denn keine weiß, wie diese Zukunft im Herbst aussehen wird. Deshalb schrieben wir schon jetzt über die Filme, die eigentlich fertiggestellt sind und nur auf ihre Zuschauer warten. Denn jetzt haben wir mehr Zeit nicht nur fürs Streamen, sondern auch für über die Filme lesen. Deshalb fangen wir jetzt schon an unsere Aufmerksamkeit den Filmen zu schenken, die erst im Herbst auf ihre Zuschauer treffen. Das könnte auch eine Form von Slow Criticism sein. Denn, wenn ein Filmteam Jahre ihres Lebens in ein Film investiert, dann sollten wir auch so viel Anstand haben und ein halbes Jahr lang darüber schreiben.

Elīna Reitere