blogEast

blogEast ist ein neues Projekt von goEast - Festival des Mittel- und Osteuropäischen Films. Wir erklären uns hiermit solidarisch mit unseren Kollegen/innen und Freunden/innen aus den Mittel- und Osteuropäischen Ländern, die gerade, bedingt durch die Covid-19 Pandemie, mit großen Herausforderungen konfrontiert werden. In den kommenden Wochen werden hier Blogbeiträge veröffentlicht, welche sowohl filmische als auch politische und soziale Facetten der Situation beleuchten und die Geschehnisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. blogEast wird durch das goEast Team betreut und ist Teil des vom Kulturfonds Frankfurt Rhein Main geförderten Rahmenprogramms Paneuropäisches Picknick.

Auf die russische Art

Stabilität ist nicht unser Credo - in den letzten 30 Jahren haben wir von Krise zu Krise gelebt. Jetzt hoffen wir also auf Russlands Fähigkeit, zu überleben.

Unser Doker-Festival ist völlig unabhängig, es wird weder von der Regierung noch von Stiftungen finanziert. Daher müssen wir für ausverkaufte Vorstellungen sorgen und ausländische Filmemacher/innen als Gäste einladen (mit Hilfe der Botschaften), um mehr Zuschauer anzuziehen. Wir haben uns andere Filmfestivals in verschiedenen Ländern angesehen, die online durchgeführt wurden und haben beschlossen, dass dies nicht der Weg ist, den wir mit unserem Festival gehen wollen. Also warten wir ab.

Der Höhepunkt der COVID-19 Pandemie ist noch nicht erreicht, aber bereits jetzt ist das Gesundheitssystem an der Grenze seiner Belastbarkeit angelangt. Damals in der Sowjetunion hatten wir ein flächendekckendes Netz von staatlichen Krankenhäusern und medizinischen Stationen im ganzen Land. Dieses haben wir seither systematisch zerstört. Wir ernten jetzt das, was wir gesät haben. In den meisten Regionen hat die Epidemie gerade erst begonnen, aber medizinisches Personal meldet, dass sie schon jetzt nicht über genügend Schutzausrüstung verfügen. Währenddessen stehen in Moskau Krankenwagen bis zu 9 Stunden Schlange, um Patienten in Krankenhäuser zu bringen.

Nach zwei Wochen der Selbstisolierung (die Behörden wollen immer noch nicht das Wort "Quarantäne" verwenden) haben die Moskauer Behörden digitale Berechtigungsscheine für Menschen eingeführt, die zu ihrer Arbeit kommen müssen. Sie beschlossen, diese Genehmigungen und Pässe in der Nähe von U-Bahn Eingängen bei jeder Person einzeln manuell zu prüfen. Das hatte zur Folge, dass die Menschen stundenlang in großen Gruppen warten mussten. Ein großartiges Beispiel dafür, wie man den Ast absägt, auf dem man sitzt.

Unterdessen wird in den Nachrichten recht optimistisch berichtet: Sie sagen, das Land sei bereit für die Epidemie. Der Präsident wandte sich an die Nation mit den Worten: "Das Land ist bereit für die Epidemie: Unser Land stand vielen Herausforderungen gegenüber. Wir wurden von den Polowtsen und den Petschenegen* [*ausgestorbene Völker, die im 10. bis zum 13. Jahrhundert mit Russland kämpften] terrorisiert, aber wir haben sie überwunden. So werden wir auch dieses bösartige Coronavirus überwinden". Der Zusammenhang ist für uns nicht ganz klar.

Die Regierung wird nur diejenigen unterstützen, die offiziell ihre Arbeit verloren und sich arbeitslos gemeldet haben. Diesen Menschen werden 260 Euro gezahlt, eine lächerliche Summe. Alle anderen werden alleine gelassen. Der Bürgermeister von Moskau (offiziell 13 Millionen Einwohner) hat eine seltsame Leidenschaft dafür, die Straßen und Bürgersteige der Stadt zu renovieren und das etwa alle sechs Monate. Er wollte 156.000.000 Euro für Bordsteine ausgeben. Später beschloss er, einen Teil des Kaufs wieder zu stornieren, aber jetzt gibt es eine neue Initiative. Etwa 300.000 Euro werden für Billboards auf öffentlichen Plätzen investiert, um Unternehmen zu unterstützen. In einer leeren Stadt. Und das im selben Moment, in dem der Bürgermeister sagt, dass eine finanzielle Unterstützung für die Einwohner Moskaus unmöglich sei, weil sie "den Haushalt sprengen" könne. Was soll ich dazu noch sagen? Sie wissen zweifellos, wie man Haushaltsausgaben priorisiert. Zu allem Überfluss fiel der Rubel erneut in seinem Wert, was bedeutet, dass die Preise weiter steigen werden.

Ich denke, dass sich für russische Dokumentarfilmemacher/innen wahrscheinlich nicht viel ändern wird. Seit vielen Jahren sind wir ein Haufen von Enthusiasten, die Filme machen, für die es im Grunde genommen keine Finanzierung gibt. Da versteht man genau, warum man Dokumentarfilme macht - weil man es nicht nicht tun kann.

Tatyana Sobolevas Dokumentationen "Siberian floating hospital" und "Two sides of one horse" kann man momentan gratis ansehen.


Tatyana Soboleva