blogEast

blogEast ist ein neues Projekt von goEast - Festival des Mittel- und Osteuropäischen Films. Wir erklären uns hiermit solidarisch mit unseren Kollegen/innen und Freunden/innen aus den Mittel- und Osteuropäischen Ländern, die gerade, bedingt durch die Covid-19 Pandemie, mit großen Herausforderungen konfrontiert werden. In den kommenden Wochen werden hier Blogbeiträge veröffentlicht, welche sowohl filmische als auch politische und soziale Facetten der Situation beleuchten und die Geschehnisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. blogEast wird durch das goEast Team betreut und ist Teil des vom Kulturfonds Frankfurt Rhein Main geförderten Rahmenprogramms Paneuropäisches Picknick.

ZWISCHEN SIZILIEN, WARSCHAU UND TSCHERNOBYL

Meine diesjährige Zeit in Italien prägen zwei antagonistische Erinnerungen: 

Das sich trotz Isolation großer Teile Norditaliens in ausgelassenem Stadtleben manifestierende sizilianische Dogma „Megghiu muriri chi mali campari*", sowie die wenige Tage später mit dem Dekret über eine landesumfassende Ausgangssperre eintretende dystopische Atmosphäre. Diese wird durch die Polizei mit Mundschutz und Maschinengewehren und durch die in Schutzanzügen arbeitende Stadtpflege auf den Straßen des sizilianischen Catanias vermittelt. 

Mir fiel die visuelle Analogie zu Tschernobyl 1986 auf. Damals zahlten Menschen mit ihrem Leben für den Egoismus einer Regierung, die ihre Fehler nicht eingestehen wollte. Heute unvorstellbar - die Gesundheit der Bürger ist in der CoVID-19-Krise Priorität. Darüber hinaus zeichnet sich in der Gesellschaft ein verstärktes Solidaritätsgefühl ab: ähnlich wie in anderen betroffenen Staaten berichten mir Freunde und Familie aus Polen von der verantwortungsvollen Befolgung der Präventionsmaßnahmen.

Umso mehr sollte man als europäische/r Mitbürger/in seine Aufmerksamkeit auf die dreisten Machenschaften der dortigen Regierung richten: PiS-Parteichef Kaczyński will trotz hohem Risiko die für den 10. Mai geplanten Präsidentschaftswahlen um jeden Preis durchführen und setzt damit die bisherigen Bemühungen der Bürger/innen, die Ausbreitung des Virus gering zu halten, leichtfertig aufs Spiel. Im polnischen Fernsehen, welches kurz vor der Corona-Krise mit ca. einer halben Milliarde Euro Regierungsgeldern dotiert wurde, ist überwiegend der PiS-Kandidat und amtierende Präsident Duda zu sehen. In Verbindung mit der demonstrativen Einstellung von Wahlkampagnen seiner Mitstreiter und der vorhersehbar geringen Wahlfrequenz schafft ihm das einen beachtlichen Vorteil. Der Vergleich mit Tschernobyl scheint mir unter Berücksichtigung dieses Sachverhalts an Akkuratesse zuzunehmen. In der gleichnamigen Drama-Serie von HBO (2019) schickt Schichtleiter Dyatlow nach der Explosion des Nuklearreaktors seine Mitarbeiter in den Tod - er fordert sie auf, Wasser in den Reaktor zu pumpen, um seinen Stillstand zu verhindern, trotz Anzeichen der bereits stattgefundenen Katastrophe. Kaczyński erinnert mich an diese tragische Rolle. Um seinen politischen Reaktor am Laufen zu halten, ist er bereit Leben, Demokratie und die Resultate der Solidarität der Bevölkerung zu opfern: not great, but certainly terrible.

Von der polnischen Gesellschaft des Wahlobservatoriums wurde eine Online-Petition zur Verschiebung der polnischen Präsidentschaftswahlen gestartet: HIER ZU FINDEN

*Es ist besser zu sterben, als schlecht zu leben.

Gerd Waliszewski