blogEast

blogEast ist ein Projekt von goEast – Festival des Mittel- und Osteuropäischen Films. Der Blog entstand während der ersten Corona-Welle in Europa als solidarisches Sprachrohr für Film-(kultur)schaffende aus allen Himmelsrichtungen. In den kommenden Wochen werden hier Blogbeiträge veröffentlicht, welche sowohl filmische als auch politische und soziale Facetten der heutigen Situation beleuchten, aber auch eine Möglichkeit der Ablenkung von der allgegenwärtigen Diskussion um Infektionszahlen und Impffortschritte bieten. blogEast wird durch das goEast Team betreut und begleitet das digitale Festival in Wiesbaden.

BAROKK FEMINA - Zwischen Dada und Hungarofuturismus

„Hungarofuturism (HUF) is a mythofiction and aesthetic strategy designed to condition cultural memory. Nationalist ideology has occupied and co-opted our national and historical myths, therefore we must take them back, so as to rebuild the progressive forms of thinking Hungarianness."

Der Hungarofuturismus, ästhetische Idee und kulturelle Bewegung zugleich, wurde 2017 als Reaktion auf die wachsende Einflussnahme der national-konservativen Orban-Regierung auf die Kunst- und Kulturszene in Ungarn begründet. Das jüngste Beispiel für die kontinuierlichen Bestrebungen der FIDESZ-Regierung, kulturelle Institutionen zu übernehmen und entsprechend der Parteilinie umzugestalten, stellt die versuchte Übernahme der Budapester Universität für Theater- und Filmkunst (SFZE) durch die regierungsnahe "Stiftung für Theater und Filmkunst" im Herbst 2020 dar. Darüber hinaus wird die Arbeit von Künstler:innen, deren Werke nicht dem national-konservativen Weltbild der Regierung entsprechen durch die fortschreitende Zentralisierung und Orbanisierung der Kulturförderung erschwert oder gar unmöglich gemacht.

Am Anfang der Bewegung des Hungarofuturismus, die als explizit vom Afrofuturismus inspiriert ausgewiesen wird, steht das eingangs bereits zitierte und vom ungarischen Dichter Mario Z. Nemes maßgeblich mitverfasste Hungarofuturistische Manifest. In diesem Manifest, das unterschiedlichen Wege zum post-ungarischem Hungarismus weist, wird unter anderem auch die in rechten Kreisen populäre These verarbeitet, dass die Ungarn Außerirdische vom Planeten Sirius seien. Dem Manifest lose folgend unternimmt Nemes in seinem 2019 veröffentlichten Gedichtband BAROKK FEMINA, den Versuch, das kollektive Unbewusste Ungarn, ausgehend von den Unruhen zum 50. Jahrestages des Volksaufstands im Jahre 1956, zu reflektieren, sich literarisch anzueignen und umzudeuten. 2020 entschloss der ungarische Experimentalfilmemacher Peter Lichter sich, Teile des Bandes zu verfilmen. Das Ergebnis ist der gleichnamige 66-müntige Found Footage Films BAROKK FEMINA, der seine Deutschlandpremiere bei goEast in der Sektion Bioskop feiern wird.

Die dadaistische Collage verbindet Nemes' Verse mit Archivmaterial, Nachrichtenbildern, Szenen aus klassischen Hollywood- und Arthousefilmen, sowie Videopielaufnahmen von YouTube. Peter Lichter gelingt es dabei sich die Bilder anzueignen, neu zu kontextualisieren und zu verfremden. Neben der Montage und der Überblendung, greift er dabei auch auf ästhetische Strategien der Desktop-Documentary und des Materialfilms zurück. So verwendet er unter anderem Bildschrirmaufzeichnungen von der Entstehung des Films, die seinen künstlerischen Prozess dokumentieren und malt mithilfe digitaler Werkzeuge auf das Filmmaterial, womit er an seine Arbeit mit Analogmaterial in Filmen wie THE RUB (2018) oder THE PHILOSOPHY OF HORROR (2019) anknüpft. Die barocke Überladung und Vielfalt der Bilder führt vor, wie absurd der Gedanke einer einheitlichen Nationalkultur ohne fremde Einflüsse ist

Mit Blick auf Kulturpolitik in Ungarn bietet der Found Footage Film neben seinem ästhetischen Potential auch ein politisch-ökonomisches. Aufgrund seiner geringen Produktionskosten, die sich vor allem aus den Lizenzgebühren für ein Schnittprogramm und gegebenenfalls Rechten für verwendetes Materials ergeben, ermöglicht er unabhängiges und kritisches Filmemachen abseits oder sogar wider der national-konservativen Kunstdoktrin der FIDESZ-Regierung.


BAROKK FEMINA läuft in der Sektion BIOSKOP und ist ab dem 20. April ab 0:00 Uhr MEZ auf online.filmfestival-goeast.de On Demand verfügbar. Alle Informationen zum Festival und häufig gestellte Fragen lassen sich in unserem FAQ nachlesen.