blogEast

blogEast ist ein Projekt von goEast – Festival des Mittel- und Osteuropäischen Films. Der Blog entstand während der ersten Corona-Welle in Europa als solidarisches Sprachrohr für Film-(kultur)schaffende aus allen Himmelsrichtungen. In den kommenden Wochen werden hier Blogbeiträge veröffentlicht, welche sowohl filmische als auch politische und soziale Facetten der heutigen Situation beleuchten, aber auch eine Möglichkeit der Ablenkung von der allgegenwärtigen Diskussion um Infektionszahlen und Impffortschritte bieten. blogEast wird durch das goEast Team betreut und begleitet das digitale Festival in Wiesbaden.

Ein Stück Osten mitten im Westen

Formschön, funktional und modular. Als Orte des täglichen Bedarfs, der von einer Tageszeitung bis hin zur Packung Zigaretten alles umfasst, säumten Kiosks in allen Formen und Farben die Straßen mittel- und osteuropäischer Großstädte. Die kleinen pavillonartigen, freistehenden Gebäude sind sehr modular und wechseln, einen Gabelstapler vorausgesetzt, auch schnell mal die Straßenecke. Die Kioskkultur soll bis ins alte Ägypten zurückreichen, wo die kleinen Gebäude als Aufenthaltsorte für Gottheiten dienten. Einige von ihnen überdauern auch heute noch die Zeit des Onlineshoppings und werden so zum kulturellen Begegnungspunkt im Vorbeigehen. Dabei bleibt es nicht beim bloßen Einkauf des aktuellen Hochglanzmagazins. Schnell werden alte Bekannte getroffen, Gläser erhoben und schon spielt im Hintergrund ein osteuropäischer Schlager aus dem Radio. Der Kiosk ist so ein Treffpunkt, eine Haltestelle im Gewusel der Stadt. Er liegt immer auf dem Weg von A nach B und ist die Tankstelle für allerlei menschliche Bedürfnisse.

Ein Kiosk verkörperte die Designkultur der 1960er Jahre dabei ganz besonders: Der K67. Entworfen vom slowenischen Architekten Saša J. Mächtig ist das System schon heute eine Legende unter den Kiosk-Modellen, die unter anderem im MoMa in New York ausgestellt wird. Die goEast Kuratorin Anastasiia Melai hat das 700 Kilogramm schwere Modell in Serbien aufgetrieben und kurzerhand nach Wiesbaden transportieren lassen.

Die Reise aus der Stadt Kikinda über Bratislava, Prag und Nürnberg nach Wiesbaden gestaltete sich dabei allerdings keinesfalls als eine Kaffeefahrt. Schon bei der Ausreise aus Serbien musste der Transport pausieren, weil keiner der Zollbeamten glauben wollte, dass "jemand in Deutschland einen solchen Kiosk in dem Zustand tatsächlich kaufen würde", so der Bericht des Lkw-Fahrers. Vielmehr vermuteten die Zollbeamten, der Fahrer hätte den Kiosk mit Drogen vollgepackt, die über die Grenze geschmuggelt werden sollten. Serbien ist nicht Teil der Europäischen Union und so fiel natürlich auch den deutschen Zollbeamten auf, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte. Neue Einfuhrpapiere wurden benötigt und vor allem verlangten die Beamten nach einer Zusicherung, dass der Kiosk nicht für "Folterzwecke" genutzt würde. Letztendlich hat es der Transport aber an seinen zwischenzeitlichen Bestimmungsort, das Museum Wiesbaden, geschafft. Damit birgt das eigentlich ganz alltägliche Objekt schon jetzt zahlreche skurrile Geschichten, über die sich im Rahmen des Festivals ausgetauscht werden kann. Vor seinem Einsatz erwarten den Kiosk nun noch eine gründliche Reinigung und ein neuer Anstrich. Wer weiß, was sich dabei noch im Inneren entdecken lässt.

 

Der Ost-Kiosk nach seiner Ankunft im Museum Wiesbaden von Außen und Innen.

Im Rahmen des vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain geförderten Paneuropäsischen Picknicks wird der goEast Ost-Kiosk zur Begegnungsstätte selbst unter Pandemiebedingungen. Festivalbesucher:innen können sich vor Ort mit Abstand treffen und sich über ihre Seherfahrungen im On Demand Programm des Festivals austauschen. Zusätzlich bietet der Kiosk eine Anlaufstelle Kaffeespezialitäten, Snacks to-Go und vielleicht sogar Cocktail-Specials. Ein Kioskradio lässt selbst vorbeischlendernde Spaziergänger:innen ein wenig mittel- und osteuropäische Geräuscheindrücke schnuppern. So wird der Ost-Kiosk zum Kaleidoskop mittel- und osteuropäischer Begegnungen, denen sich goEast seit jeher als Brückenbauer zwischen Ost und West verschrieben hat.

// Der goEast Ost-Kiosk öffnet ab dem 23. April täglich von 10:00 bis 22:00 Uhr vor dem Nassauischen Kunstverein in der Wilhelmstraße 15. //


Alle Informationen zum Festival und häufig gestellte Fragen lassen sich in unserem FAQ nachlesen.