blogEast

blogEast ist ein Projekt von goEast – Festival des Mittel- und Osteuropäischen Films. Der Blog entstand während der ersten Corona-Welle in Europa als solidarisches Sprachrohr für Film-(kultur)schaffende aus allen Himmelsrichtungen. In den kommenden Wochen werden hier Blogbeiträge veröffentlicht, welche sowohl filmische als auch politische und soziale Facetten der heutigen Situation beleuchten, aber auch eine Möglichkeit der Ablenkung von der allgegenwärtigen Diskussion um Infektionszahlen und Impffortschritte bieten. blogEast wird durch das goEast Team betreut und begleitet das digitale Festival in Wiesbaden.

Die heilsame Kraft der Musik

Dem therapeutischen Potential von Musik wird weltweit immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt. So bieten seit kurzem zahlreiche amerikanische Universitäten Abschlüsse in Musiktherapie an. In Turkmenistan gehört sie bereits seit vielen Jahrhunderten zum medizinischen Instrumentarium. In der Kultur Turkmenistans glauben wir, dass Musik wundersame Kräfte besitzt. Dieser Gedanke spielt sowohl in meinem Leben als auch in der Geschichte, die ich meiner Virtual-Reality-Dokumentation erzähle, eine wichtige Rolle.

Im Verlauf der turkmenischen Geschichte gab es eine Vielzahl an Beispielen für die medizinischen Wirkungen von Musik. Während der Herrschaft der Seldschuken im 11. Jhd. gab es sogar besondere Krankenhäuser in denen die spirituelle Gesundheit der Turkmenen mit Musik wieder hergestellt wurde. Diese Tradition wurde über die Jahrhunderte hinweg fortgesetzt. So weiß man heute, dass wenn turkmenische Kinder an Masern erkrankt waren, ihre Eltern einen bagshy (Turkmensichen Meistermusiker) einluden, damit er auf einer gragy tuyduk (einer langer turkmenischen Flöte) oder einer dutar (einem zweisaitigen turkmenischen Instrument) spielte, um die Kinder zu heilen. Man glaubt, dass Musik die Leiden kranker Kinder lindert und ihre Genesung voranbringt. Weiterhin gibt es in der turkmenischen Folklore zahlreiche Geschichten, die die heilsame Wirkung von Musik illustrieren. Aus diesen sticht die musische Legende „Uzukur", wegen ihrer kunstvollen Gestaltung hervor. Der Erzählung nach, erleidet ein Mädchen ein schreckliches Trauma und beginnt zu stottern. Geheilt wird Sie durch das wunderschöne Flötenspiel eines jungen Hirten.

Doch Musik wird nicht bloß als heilsam verstanden, sondern auch wegen ihres friedensstiftenden Potentials geschätzt. Im turkmenischen Film THE CONTEST (1963) von Bulat Mansurov rettet ein Bagshy im 19. Jhd. seinen Bruder aus der Gefangenschaft eines Iranischen Schahs. Dafür fordert er einen iranischen Hofmusiker zu einem musikalischen Duell auf. Mit seiner Musik kann er die Herzen seines Kontrahenten und seiner Feinde für sich vereinnahmen, sodass ihm die Befreiung seines Bruders gelingt, ohne einen Tropen Blut zu vergießen. Die Musik erwies sich hier also mächtiger als das Schwert.

Auch heutzutage werden der Musik besondere Kräfte nachgesagt, was sich im Thema meines Virtual Reality-Dokumentarfilms "1991" niederschlägt. In diesem erzähle ich die Geschichte meines Vaters Suhan Tuylieyev, dem die Musik durch die schwierige Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion half. Wie viele Menschen in den ehemaligen Sowjetrepubliken hatten meine Eltern zeitweise drei bis fünf Jobs. Trotzdem musste unsere Familie oft hungern. Nach dieser harten Zeit war mein Vater zwei Jahrzehnte lang nicht im Stande, Musik zu komponieren. Stark depressiv, kämpften auch andere Künstler um ihr Überleben. In meinem Dokumentarfilm habe ich das Büro meines Vaters in unserer Wohnung in Ashgabat nachgebaut, um die Erinnerungen an meiner Kindheit zu erforschen und um zu verstehen, wie schwer die Jahre nach dem Ende der UdSSR für ihn gewesen sein müssen.

Suhan Tuylieyevs Musik bildet den Kern dieses experimentellen Dokumentarfilms. So hören drei Teilnehmer:innen wie drei seiner Stücke aufgeführt werden, die die Veränderungen und Entwicklungen in Turkmenistan und ihm selbst reflektieren. Nach der 20-jährigen Stille wird mein Vater von einem geisterhaften Orchester heimgesucht, das sein letztes Stück aus dem Jahr 1989 spielt.

Im letzten Akt der Virtual Realty-Erfahrung wird meine Schwester Dr. Maya Tuylieva, eine weltberühmte Pianistin – die Klaviersonate zur Aufführung bringen, die mein Vater komponierte nachdem er seine Depression besiegt hat. Währenddessen entfaltet sich die Legende „Uzukur" in Bildern rund um den:die Zuschauer:in, was die Heilung meines Vaters durch seine Musik spiegelt.

Diese Virtual Reality-Dokumentation über meinen Vater und seine Musik zu erschaffen, war auch für mich eine heilsame Erfahrung, da ich mein Erleben der Umbruchszeit reflektieren und verarbeiten konnte. In den postsowjetischen Gesellschaften sind Depression und mentale Gesundheit tabuisierte Themen. Die Generationen, die durch den Zusammenbruch der Sowjetunion noch heute traumatisiert sind, verdienen die Möglichkeit, mit der Vergangenheit abzuschließen und ihr Trauma heilen zu lassen. Ich hoffe, dass ich mit „1991" und der Geschichte meines Vaters ein Publikum ansprechen kann, das über seine Leiden schweigt. Die Musik meines Vaters soll auch zu ihrer Heilung beitragen, wie Musik es schon seit Jahrhunderten und Generationen tut.

Akmyrat Tuyliyev, ein turkmenischer New-Media-Künstler und Produzent, der an der Schnittstelle von Storytelling, Technologie und Kultur arbeitet.


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