sektionen

Das goEast-Programm ist in insgesamt sieben Sektionen mit jeweils eigenem Profil aufgeteilt: Wettbewerb, Symposium, East-West Talent Lab, Porträt/Hommage (im jährlichen Wechsel), Beyond Belonging, Highlights und Specials.
Jede Sektion wird sorgfältig kuratiert, FestivalkorrespondentInnen und ExpertInnen unterstützen dabei das Programmteam. Die Beiträge des Wettbewerbs werden von einer Auswahlkommission nominiert. Die Sektionen schlagen die Brücke vom mittel- und osteuropäischen Autorenkino zum filmischen Experiment, vom aktuellen Genrekino zu filmhistorischen Wiederentdeckungen. Dokumentarfilme haben sich dabei neben den Spielfilmen ihren verdienten Platz erobert.

WETTBEWERB

WETTBEWERB

Visionär, politisch oder skurril: Der Wettbewerb versammelt die bemerkenswertesten zehn Spiel- und sechs Dokumentarfilme der letzten beiden Produktionsjahre und gewährt Einblicke in die Filmvielfalt des mittel- und osteuropäischen Autorenkinos. Die 16 Beiträge konkurrieren um vier Preise, über deren Vergabe eine internationale Jury entscheidet: den Preis für den Besten Film (10.000 Euro), den Preis für die Beste Regie der Landeshauptstadt Wiesbaden (7,500 Euro) und den Preis des Auswärtigen Amtes für kulturelle Vielfalt (4.000 Euro). Eine eigene Jury der FIPRESCI vergibt den Preis der Internationalen Filmkritik. goEast-Medienpartner 3sat macht darüber hinaus einem ausgewählten Film ein Ankaufangebot.

SYMPOSIUM

Revolution hier, Souveränität da: Die Hundertjahrfeiern dauern an! Gleich zwei Unabhängigkeiten konstituieren die baltischen Staaten – die erste relativ zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts (1918), die zweite gegen Ende (1990). Sie sind die Wegmarken des diesjährigen goEast Symposiums. Während die politische Agenda in den Jahrzehnten dazwischen von autoritären Staatstreichen, deutscher wie sowjetischer Okkupation und zahlreichen Freiheitskämpfen geprägt ist, formieren sich im realen Leben – wie im Film – hybride Identitäten. Das Kino Estlands, Lettlands und Litauens steht im Zeichen der Machtverhältnisse, besonders jener historischen, politischen und wirtschaftlichen, die das Dasein als „Sowjetrepublik" (und danach als „post-sowjetischer Raum") mit sich brachte. Das Kino akzeptiert und integriert diese, es greift sie auf und verinnerlicht sie, es subvertiert, untergräbt
und konterkariert sie. Und immer wieder wendet es sich ab – und anderen Sphären zu: der Metaphysik zum Beispiel, dem Mystisch-Phantastisch-Märchenhaft- Grotesk-Surrealen, aber auch dem Sozialen. Letzteres vor allem in jener Gattung, die der gesamten Region zur kinematographischen
Ehre gereichte: dem Dokumentarfilm. Ob Uldis Brauns, Ivars Seleckis, Herz Frank oder Juris Podnieks aus der berühmten „Rigaer Schule", ob Andres
Sööt, Mark Soosaar oder Peter Simm für das Studio Tallinnfilm, oder Robertas Verba, Edmundas Zubavičius und Audrius Stonys ausgehend von Vilnius — im poetischen Realismus ist Kritik an den Verhältnissen genauso möglich wie die Gretchenfrage erlaubt: nach nationalen und kulturellen Identitäten. Zudem verbindet der Dokumentarismus auch jene beiden (film-)historischen Epochen, die alle drei baltischen Länder als cineastische Größen im Spielfilm etablieren, auch wenn das über die Jahre in Vergessenheit geraten sein mag: die Neue Welle der großartig modernen sechziger
Jahre der sowjetischen nationalen Filmstudios einerseits und die Zeit des spät- bzw. postsozialistisch-depressiven Aufbruchs – als Entfremdungs-Kinos andererseits. Für die 1960er Jahre stehen in der Litauischen SSR Vytautas Žalakevičius (NIEKAS NENORĖJO MIRTI / NIEMAND WOLLTE STERBEN, 1965) oder Arūnas Žebriūnas (GRAŽUOLĖ / SCHÖNHEIT, 1969), in der Estnischen SSR Kaljo Kiisk (HULLUMEELSUS / DER WAHNSINN, 1968) oder Grigorij Kromanov (VIIMNE RELIIKVIA / DIE LETZTE RELIQUIE, 1969) und in der Lettischen SSR neben Leonīds
Leimanis, Ivars Kraulītis und Rolands Kalniņš auch unbedingt die Krimis von Aloizs Brenčs und die Literaturverfilmungen von Gunārs Piesis. Die 1990er Jahre wiederum prägen (bis heute) junge Wildintrovertierte wie Šarunas Bartas und Meisterinnen der lakonischen Ironie wie Laila Pakalniņa.
Schräg, sehr schräg obendrein: Puppen und andere animierte (Balten-)Welten, von Großmeister Priit Pärn über „nukufilm" bis hin zu den Sexual-Blasphemien einer Exilantin: Signe Baumane. Eine umfassende Wiederentdeckung steht längst an!).

EAST-WEST TALENT LAB

Das EAST-WEST TALENT LAB verschreibt sich dem Wissens- und Kreativitätstransfer und dem Austausch von Projektideen. Das Programm vernetzt junge Filmschaffende und Künstler*innen aus den Mittel- und Osteuropa und Deutschland. Eine Vielzahl an Workshops und Masterclasses vermittelt den 30 Teilnehmer*innen Kernkompetenzen und Einblicke in die Filmindustrie. Die Grundlagen europäischer Koproduktionen und Pitching-Workshops
sind ebenso Thema des Labs wie der Open Frame Award, der in diesem Jahr eine Auswahl künstlerisch ambitionierter Virtual Reality-Arbeiten junger Künstler*innen und Filmemacher*innen aus Mittel- und Osteuropa sowie von hessischen Film- und Kunsthochschulen präsentiert. Um den mit 3.500 Euro dotierten Development Award pitchen 14 ausgewählte Projektideen am Ende des Workshop-Programms vor einer dreiköpfigen Fachjury. Gefördert wird das EAST-WEST TALENT LAB vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain und der BHF-BANK-Stiftung.

PORTRÄT

Das Porträt ist dieses Jahr dem russischen Regisseur Boris Khlebnikov gewidmet, der bereits mehrfach beim Festival zu Gast war. 2009 erhielt er bei goEast für seinen Film SUMASSHEDSHAYA POMOSHCH (Verrückte Rettung, 2009) den Preis für die beste Regie. Geboren 1972 in Moskau, studierte er am dortigen Institut für Kinematographie VGIK Filmtheorie. Wie kaum ein anderer zeitgenössischer russischer Regisseur repräsentiert Boris Khlebnikov das Kino der Putin-Ära: In seinen frühen Werken ist das Umbruchschaos der neunziger Jahre noch deutlich zu spüren und die Veränderungen der russischen Gesellschaft gehen auch an den Hauptfiguren Khlebnikovs nicht spurlos vorüber. Meist sind es emotional unreife, ja sogar kindische Männer, die versuchen, ihr Leben in den Griff zu bekommen und keinen Halt finden. Khlebnikovs Filmsprache ist dabei zurückhaltend. Die funktionale Kamera konzentriert sich auf die Körpersprache der Darsteller* innen und auf kleine, oft absurde visuelle Details: ein kaputter, rosaroter Regenschirm, eine Flasche Wodka, die in einer leeren Toilettenschüssel aufbewahrt wird ... Fernab der Hauptstadtdekadenz präsentiert Khlebnikov das Leben mit leisem Humor und über die Jahre immer böser werdendem Sarkasmus. In KOKTEBEL (2003) oder SVOBODNOE PLAVANIE (Free Floating, 2005) sind die Hauptfiguren zwar auf sich selbst angewiesen, aber auch frei. In seinen jüngsten Filmen entpuppt die Bürokratie sich als schlimmster Feind des Menschen. Kann man in einer Welt wie dieser überhaupt erwachsen werden? Wir freuen uns, Boris Khlebnikov und Darsteller Aleksandr Yatsenko im April bei goEast zu begrüßen!

oppose othering!

OOPPOSE OTHERING!, das sich mit ethischem Filmemachen beschäftigt, geht 2018 in die dritte Runde. In diesem Jahr bündeln wir unsere Energien, um in Deutschland und Osteuropa ein filmisches Umfeld zu entwickeln, in dem Minderheiten gleichberechtigt sind und Vielfalt respektiert wird. Im Rahmen von goEast 2018 begegnen sich Teilnehmer*innen und Expert*innen verschiedener Bereiche in Workshops, bei Diskussionen, Netzwerkveranstaltungen und Fallstudien. Für die Teilnahme am OO!-Programm 2018 suchen wir mutige und konstruktive Kämpfer*innen für soziale Gerechtigkeit, die bereit sind,
Teil eines internationalen Netzwerks gegen Othering zu werden und Teilhabe Normalität werden zu lassen.
Junge Kultur- und Filmschaffende, die Regie führen, Filme produzieren oder verleihen, im Festivalbereich oder im Kulturmanagement tätig sind und aus Mittel- und Osteuropa oder Deutschland kommen, sind herzlich eingeladen, sich bei uns zu bewerben. Wichtig ist uns bei Bewerber*innen der Wille, die Zukunft des Kinos in ihren jeweiligen Ländern zu gestalten und Wege zu entwickeln, Minderheiten hierbei einzubeziehen.
Zusätzlich zu einem thematisch fokussierten Filmprogramm werden die OPPOSE OTHERING! Tandemfilme, gerade noch in Produktion, im April bei goEast ihre Weltpremieren feiern, bevor sie sich auf die Reise zu Festivals in ganz Europa begeben. Filmerlebnisse, die Horizonte erweitern, sind hier garantiert!

bioskop

Arthouse-Kino aus Osteuropa ist mittlerweile vielen ein Begriff, nicht zuletzt aufgrund der Achtungserfolge bei der Berlinale oder auch den Academy Awards. Mainstream-Filme und Publikumslieblinge aus der Region finden jedoch nur selten den Weg in deutsche Kinos. Nicht so bei goEast: In der Sektion Highlights versammeln sich die filmischen Höhepunkte, die die ZuschauerInnen in den Heimatländern im Kino oder auf Festivals begeisterten: vorzüglicher
Kinogenuss jenseits des Autorenfilms.

SPECIALS

Die besondere Sektion, ohne die kein Festival auskommt. Hier trifft im Rahmen der Schulfilmtage Pädagogik auf Festivalatmosphäre, neue Juwelen der Festivalwelt auf alte Schätze aus den Archiven, die Stadtgesellschaft auf Filmstars, aus aktuellem Anlass kurzfristig Eingeplantes auf traditionelle goEast-Formate. Und wenn die Lichter ausgehen im Kinosaal, trifft sich die Festival-Crowd bei Konzerten und Party.