sektionen

Das goEast-Programm ist in insgesamt zehn Sektionen mit jeweils eigenem Profil aufgeteilt: Wettbewerb, Symposium, East-West Talent Lab, Porträt/Hommage (im jährlichen Wechsel), RheinMain Kurzfilmpreis, Open Frame Award, die wilden 90er, Oppose Othering! und Specials.
Jede Sektion wird sorgfältig kuratiert, FestivalkorrespondentInnen und ExpertInnen unterstützen dabei das Programmteam. Die Beiträge des Wettbewerbs werden von einer Auswahlkommission nominiert. Die Sektionen schlagen die Brücke vom mittel- und osteuropäischen Autorenkino zum filmischen Experiment, vom aktuellen Genrekino zu filmhistorischen Wiederentdeckungen. Dokumentarfilme haben sich dabei neben den Spielfilmen ihren verdienten Platz erobert.

WETTBEWERB

Im goEast Wettbewerb laufen 16 sorgfältig ausgewählte Filme aus allen Winkeln Mittel- und Osteuropas. Von Welt- bis Deutschlandpremiere, Dokumentar- bis Spielfilm, Newcomer*innen bis routinierten Filmschaffenden – aktuelle Filmkunst steht hier im Mittelpunkt. Alle Werke konkurrieren auf Augenhöhe im Zentrum des Festivalprogramms. Eine fünfköpfige internationale Jury entscheidet über die drei Preise: Die „Goldene Lilie" für den Besten Film (10.000 Euro), den Preis für die Beste Regie der Landeshauptstadt Wiesbaden (7.500 Euro) und den Preis des Auswärtigen Amtes für kulturelle Vielfalt (4.000 Euro). Zusätzlich dazu verleiht eine eigene FIPRESCI-Jury zwei Preise der Internationalen Filmkritik, je einen für den besten Spiel- und den besten Dokumentarfilm. Neben der Filmsichtung bietet sich zudem die Möglichkeit mit geladenen Filmgästen in Q&As nach den Screenings sowie bei den Filmtalks im goEast Festivalzentrum in Austausch zu treten.

SYMPOSIUM

Die Symposien des goEast Filmfestivals widmen sich meist in mehrfacher Weise Marginalisiertem. Ob zweitgereihte Studios oder Frauen in Regie: Wenn es um die produktive Rekonstruktion der mittel- und osteuropäischen Filmgeschichte/n geht, wird deutlich, wie sehr unser Blick auf das, was wir Kultur nennen, vom hegemonialen Diskurs eines rigorosen West-Zentrismus durchdrungen ist. Dieser sorgt für die Ausblendung des kulturellen Ostens Europas und seiner genuinen Zugehörigkeit zu „unserer" Kultur.
Er sorgt aber auch für die Verdrängung (und gleichzeitige Produktion) des Minoritären darin. Von dieser doppelten Diskriminierung – in einer wohl noch nie dagewesenen Dimension – handelt auch das diesjährige Symposium, bei dem Film-Forscher*innen gemeinsam mit Kulturtätigen und Regisseur*innen jene Bild- und Repräsentationspolitiken untersuchen, die an der Hervorbringung eines romantisch/folkloristisch/ exotisch/rassistisch oder anders imaginierten Leinwand-„Zigeuners" beteiligt waren und sind, während filmische Darstellungen der unterschiedlichen Realitäten und Lebensweisen von Roma immer noch kaum existieren.
Gegen eine solche in den letzten Jahren als zentrales Thema der Antiziganismus-Erforschung markierte permanente Stereotypisierung – als Kriminalisierung und Animalisierung, De-Subjektivierung und Dämonisierung – stehen, ebenfalls forciert in den letzten Jahren, eine Vielzahl von Initiativen, die aktiv an der Inklusion der bilderproduzierenden Tätigkeit von Roma und Romnija arbeiten und in transkulturellen Aktionen Rassismus und Antiziganismus bekämpfen.
In zwei Gesprächsrunden, einer aus der Perspektive von Filmemacher*innen, einer mit Vertreter*innen von Institutionen, die Roma Raum schaffen für Ausdruck und Selbstorganisation, werden Roma und Nicht-Roma über ihre Erfahrungen sprechen und über Möglichkeiten der affirmativen Sichtbarmachung jenseits perpetuierter „balkan gypsy images" diskutieren.
Das goEast-Symposiumformat nützend, werden die Diskussionen und die Vorträge – die historisch und ideologisch vom Sozialismus und Nationalsozialismus bis zum Postsozialismus reichen – von einer umfassenden Film-Retrospektive begleitet, die einen ersten Einblick in filmhistorisches Neuland sowie einen zweiten Blick auf Bekanntes erlaubt:
Von der verordneten Sesshaftmachung in DAS LETZTE LAGER (Posledniy Tabor, Sowjetunion, 1935, Regie: Evgeny Shneider, Mikhail Goldblat) über die pädagogischen Integrationsversuche in die sozialistische Gesellschaft und andere Begegnungen, etwa in Peeter Simms bei Tarkovskij eingereichtem Diplomfi lm DIE TÄTOWIERUNG (Tätoveering, Estnische SSR, 1978) bis hin zur Neusichtung und kritischen Befragung von „Zigeunerfi lm"-Klassikern des osteuropäischen Kinos wie FEDERNSAMMLER (Skupljači perja, Jugoslawien, 1968, Regie: Aleksandar Petrović) reicht das Programm.
Den Endpunkt setzen zwei aktuelle Filme von Romnija – einer wirft den Blick auf den vergessen-verdrängten Roma-Holocaust, der zweite auf die Tatsache, wie schwierig es ist, selbstbewusst Blickkontakt zu etablieren. Hinschauen heißt die Devise. Einander ansehen und begegnen.

 

EAST-WEST TALENT LAB

goEast fördert junge Filmschaf fende und Kreative aus Mittel- und Osteuropa und vernetzt sie mit Gleichgesinnten aus Deutschland. Für die rund vierzig Teilnehmer*innen des East-West Talent Lab wurde ein vielseitiges Fortbildungsangebot konzipiert. Dazu gehören Vorträge zur Förderung von Koproduktionen in Europa, Podiumsdiskussionen, Mentoring im Bereich der Projektentwicklung und Präsentationstrainings. Neu in diesem Jahr ist der Schwerpunkt, der sich mit Menschenrechten in Mittel- und Osteuropa beschäftigt. Mit Unterstützung des Osteuropa-Hilfswerks Renovabis wird ein auf Menschenrechte spezialisiertes Fortbildungsprogramm organisiert, wozu sieben Filmschaffende mit einem Dokumentarfilmprojekt in Entwicklung eingeladen wurden. Beim öffentlichen Pitch konkurrieren die Teilnehmenden um das mit 3.500 Euro dotierteRenovabis-Recherche sti pendium. Acht weitere innovative Projekte werden beim
öffentlichen Pitch präsentiert. Eine dreiköpfige Expert- *innenjury entscheidet über den mit 3.500 Euro dotierten goEast Development Award, unterstützt von Russian Standard Vodka.

HOMMAGE

Die goEast Hommage widmet sich mit Krzysztof Zanussi einem der einflussreichsten Filmschaffenden Polens. Zanussis Filmleidenschaft begann als Amateurfilmer, in seinem Studium widmete er sich zunächst der Physik und der Philosophie. Die Einflüsse dieser universitären Bildung finden sich auch thematisch in vielen seiner wichtigsten Werke wieder, die sich bevorzugt mit Fragen der Wissenschaft und Ethik, aber auch der Religion befassen. Um 1960 war er noch begeistert von neuartigen Arbeiten junger Franzosen in der Nouvelle Vague, wenige Jahre später wurde er selbst zu einem Vorreiter einer vergleichbaren Erneuerungsbewegung im polnischen Kino.
Das Filmprogramm spannt sich von Zanussis Abschlussfilm an der Filmhochschule in Łódź THE DEATH OF A PROVINCIAL aus dem Jahre 1965 bis hin zu seinem aktuellen Werk ETHER. goEast-Vergangenheit bringt Krzysztof Zanussi reichlich mit, er war der Jury-Präsident der ersten Ausgabe des Festivals 2001 und auch 2014 im Rahmen des Symposiums „Nouvelle Vague Polonaise?" zu Gast. Anlässlich der Retrospektiveseines Werkes kommt er erneut nach Wiesbaden, um unter anderem durch ein ausgiebiges Werkstattgespräch Einblicke in über fünf Jahrzehnte aktiven filmischen Schaffens zu bieten

oppose othering!

OOPPOSE OTHERING!, das sich mit ethischem Filmemachen beschäftigt, geht 2018 in die dritte Runde. In diesem Jahr bündeln wir unsere Energien, um in Deutschland und Osteuropa ein filmisches Umfeld zu entwickeln, in dem Minderheiten gleichberechtigt sind und Vielfalt respektiert wird. Im Rahmen von goEast 2018 begegnen sich Teilnehmer*innen und Expert*innen verschiedener Bereiche in Workshops, bei Diskussionen, Netzwerkveranstaltungen und Fallstudien. Für die Teilnahme am OO!-Programm 2018 suchen wir mutige und konstruktive Kämpfer*innen für soziale Gerechtigkeit, die bereit sind,
Teil eines internationalen Netzwerks gegen Othering zu werden und Teilhabe Normalität werden zu lassen.
Junge Kultur- und Filmschaffende, die Regie führen, Filme produzieren oder verleihen, im Festivalbereich oder im Kulturmanagement tätig sind und aus Mittel- und Osteuropa oder Deutschland kommen, sind herzlich eingeladen, sich bei uns zu bewerben. Wichtig ist uns bei Bewerber*innen der Wille, die Zukunft des Kinos in ihren jeweiligen Ländern zu gestalten und Wege zu entwickeln, Minderheiten hierbei einzubeziehen.
Zusätzlich zu einem thematisch fokussierten Filmprogramm werden die OPPOSE OTHERING! Tandemfilme, gerade noch in Produktion, im April bei goEast ihre Weltpremieren feiern, bevor sie sich auf die Reise zu Festivals in ganz Europa begeben. Filmerlebnisse, die Horizonte erweitern, sind hier garantiert!

bioskop

BIOSKOP goEast versteht sich als Seismograf des mittel- und osteuropäischen Filmschaffens. Die Sektion Bioskop setzt sich zum Ziel, jenseits vom Premierenzwang die inhaltliche und künstlerische Breite der Produktionen der Region abzubilden. Aktuellen Festival-Hits und anspruchsvollen Dokumentarfilmen wird damit ebenso wie besonders ausgefallenen Werken und Genre-Kino Platz auf den Wiesbadener Leinwänden geboten.
Auch das diesjährige Programm reflektiert diesen Anspruch, reicht es doch vom expressiven kirgisischen Musical über feministische 90er-Visionen aus Belarus bis hin zu einem absurden, unkonventionellen Kurzfilmprogramm.

SPECIALS

Die besondere Sektion, ohne die kein Festival auskommt. Hier trifft im Rahmen der Schulfilmtage Pädagogik auf Festivalatmosphäre, neue Juwelen der Festivalwelt auf alte Schätze aus den Archiven, die Stadtgesellschaft auf Filmstars, aus aktuellem Anlass kurzfristig Eingeplantes auf traditionelle goEast-Formate. Und wenn die Lichter ausgehen im Kinosaal, trifft sich die Festival-Crowd bei Konzerten und Party.

RHEINMAIN KURZFILMPREIS

Mit dem RheinMain Kurzfilmpreis hat goEast in diesem Jahr eine neue Wettbewerbssparte hinzugewonnen. Unter dem Motto „Grenzüberschreitungen" wurden Filme aus Mittel- und Osteuropa mit einer Länge von bis zu 20 Minuten eingereicht, acht von ihnen finden sich im Kurzfilmprogramm wieder. Sie können die vom Kulturfonds Frankfurt RheinMain mit 2.500 Euro dotierte Auszeichnung gewinnen. Vergeben wird der Preis von einer Jury aus Vertreter*innen von Kulturvereinen mit Osteuropa-Bezug aus dem gesamten Rhein-MainGebiet. Nach dem Festival geht das Kurzfilmprogramm auf Tour durch die Region. Diese Veranstaltung ist Teil der Reihe PANEUROPÄISCHES PICKNICK.

OPEN FRAME AWARD

Im zweiten Jahr in Folge konkurrieren experimentelle 360-Grad- und VirtualReality-Projekte aus Mittel- und Osteuropa bei goEast um den Open Frame Award. Die BHF Bank Stiftung lobt den mit 5.000 Euro dotierten Preis aus, der von einer internationalen Jury vergeben wird. In unseren Ausstellungen in Frankfurt und Wiesbaden sind die Projekte vor und während des Festivals zu sehen.

BLEIBT ALLES ANDERS? DIE WILDEN 90ER

Anlässlich 30 Jahre Mauerfalls organisieren das FilmFestival Cottbus und goEast gemeinsam eine Film- und Gesprächsreihe in Ost und West. Wir schauen zurück auf das Kino der 1990er Jahre, um diejenigen filmischen Tendenzen aufzuspüren, die zwischen der politischen Euphorie und der Etablierung einer neuen – kapitalistischen – Ordnung des Filmschaffens geboren wurden. Im Rahmen von goEast werden sechs erste Filme gezeigt. Die Reihe wird im November 2019 in Cottbus fortgeführt. Lucian Pintilies THE OAK, István Szabós SWEET EMMA, DEAR BÖBE und Helke Misselwitz' LITTLE ANGEL befassen sich mit sozialen Belangen, indem sie die Probleme einfacher Menschen in den Mittelpunkt rücken. Weitere Titel im Programm reflektieren eher die offensichtliche Begeisterung der Filmschaffenden, nun frei mit filmischen Formen experimentieren zu können oder Themen anzugehen, die im Sozialismus unverfilmbar schienen, etwa wie in Kira Muratovas THREE STORIES und Wojciech Marczewskis ESCAPE FROM „LIBERTY" CINEMA. Die Wildheit der frühen Neunziger liegt genau in diesem Kontrast zwischen realitätsnahen Abbildungen der Schattenseiten des Lebens einerseits und künstlerischeren, gar eskapistischen Experimenten andererseits. Fünf der Filme im Programm sind in ehemals sozialistischen Ländern Europas entstanden. Der sechste, JeanLuc Godards GERMANY YEAR 90 NINE ZERO, ist ein filmisches Essay, das fiktionale Bilder und Archivaufnahmen mischt und aus westlicher Perspektive und mit Distanz über Für und Wider der historischen Vorgänge reflektiert. „Bleibt alles anders?" ist eine gemeinsame Veranstaltung von goEast und dem FilmFestival Cottbus, gefördert von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.