Festivalblog Tag 3

Östlich, weiblich, saucool

Mehr als die Hälfte der Wettbewerbsbeiträge bei goEast stammen 2018 von Frauen. Das Festival hat einen starken Ruf, was weibliche Stimmen hinter der Kamera betrifft, nicht erst seit dem letztjährigen Schwerpunkt bringt es (im Westen) geliebte, übersehene, vergessene und neu entdeckte Filmjuwelen von Frauen wie Márta Mészáros, Laila Pakalņina, Zhanna Issabayeva, Věra Chytilová, Jasmila Žbanić, Mira Fornay, Eszter Hajdú, Ildikó Enyedi, Małgorzata Szumowska, Agnieszka Holland, Agnieszka Smoczyńska, Wanda Jakubowska... sorry der Satz geht nicht zu Ende, denn es sind zu viele. ans Licht.

Klar, Frauen sind auch nur Regie-Menschen, aber angesichts der überdeutlichen Schieflagen gerade im Filmbiz macht es immer wieder Freude, weibliches Filmschaffen hochleben zu lassen. Und da schöpft goEast aus dem Vollen. Allein drei herausragende polnische Filmfrauen präsentiert dem goEast Publikum am Freitag und Samstag die Filmakademie Wajda School & Studio.

Der Neuling AURORA BOREALIS der ungarischen Grande Dame Márta Mészáros, die letztes Jahr im Porträt zu sehen war, ist am Festivalmontag am Start. Eine Geschichte von, mit und über Frauen, für alle, die detektivische Familiengeschichte(n) spannend finden. Landsmännin Bernadett Tuza-Ritter schickte als Premiere gestern ihre außergewöhnliche Dokumentation A WOMAN CAPTURED ins Rennen.

Dieser Film, wohlgemerkt, blickt in einen gewaltigen Abgrund. Heute, in Europa, lebt Marish wie geschätzte 1,2 Millionen andere Menschen als Sklavin in einem Haushalt. Der Anteil nehmende Blick von Regisseurin Tuza-Ritter rückt dieses Frauenleben ins Licht. Dass das Material überhaupt öffentlich wurde, war zeitweise unsicher: "For me it was more important to be a person than to even finish the film." Zum Glück nahm es im und mit dem Film ein gutes Ende.

Auch Eglė Vertelytė will es in Wiesbaden wissen und nimmt mit ihrem erstaunlichen Debüt MIRACLE um einen litauischen Trump-Verschnitt auf einer Schweine-Kolchose am Wettbewerb teil. Staubtrockener geht's nicht, heißer Anwärter auf den osteuropäischen Kino-Sommerhit. Der estnische Filmkritiker Tristan Priimägi komplettierte den goEast Salon und sprach über das düstere Märchen NOVEMBER.

 

Hybride Identitäten. Das Kino der baltischen Länder

Von Litauen und Estland ist es nicht weit nach Lettland. Da spielt THE SHOE, Laila Pakalņinas Cannes-Erstling von 1998. Lange Einstellungen und Pakalņinas meisterliche Schwarzweiß-Kompositionen tragen die skurrile Dorfgeschichte um Spionageverdacht und einen Schuh.

Was die berechtigte Frage aufwirft, ob baltische Filme eigentlich eine allgemeine Langsamkeit an sich haben? Unter dem Titel „Slow Transitions – Elusive Tranquility. On the Pace of Baltic Cinema" diskutieren Pakalņina und ihr litauischer Kollege, der vielfach ausgezeichnete Regisseur Audrius Stonys, diese Frage und ihre Hintergünde gemeinsam mit der Filmwissenschaftlerin Elīna Reitere am Samstag im Festivalzentrum.

Das Kino der baltischen Länder ist Thema des diesjährigen goEast Symposiums, das gestern mit einer Vortragsreihe und Podiumsdiskussion startete.

Aber WTF sind hybride Identitäten? Kleiner Tipp: womöglich habt Ihr selber eine. Das Phänomen der Identitätssuche ist ein Dauerbrenner im mittel- und osteuropäischen Kino, zu dem das (deutsch-)deutsche im Übrigen ja auch zählt.

Gerade auch die Geschichte der baltischen Länder, die vor genau 100 Jahren ihre nationale Unabhängigkeit erlangten, nur um sie nach wechselnder deutscher und sowjetischer Vorherrschaft 1990 erneut zu erkämpfen, ist eine der permanenten Freiheitsbewegungen. Wer ist hier Minder- und wer Mehrheit? Zählt das Kollektiv oder die Revolte? Ost oder West? Passend zum Thema präsentierte goEast mit Uldis Brauns 235 000 000 gestern die Creme de la Creme des poetischen Dokumentarfilms.

 

Und sonst?

Als ob dieser Freitag nicht schon der Höhepunkte übervoll gewesen wäre, machten die Nachwuchsteilnehmer des East West Talent Lab ihre ganz eigene Kiste auf und feierten den ersten goEast Virtual Reality Day. Mehr dazu passt aber nicht in diesen Blog – kommt noch, versprochen!

Herrgott, und dann war auch noch die alljährliche, längst legendäre goEast Party im Schlachthof. Wer dabei war, weiß warum.