Festivalblog Tag 4

Skills, frische Skills! Filme zwischen Kunst, Kommentar und Kolportage

Krass, erschreckend, trippy, dann wieder leise, zurückhaltend, persönlich. Ganz unterschiedliche Russlandbilder zeigten an Tag 3 und 4 von goEast Beiträge von Boris Khlebnikov, Maxim Pozdorovkin und Dmitrii Kalashnikov. Gleichbleibend dagegen die Gesprächs- Tanz- und Feierlust der Festivalgäste zur Halbzeit. Man wird halt nur einmal 18 ...

 

Im goEast Wettbewerb feierten gestern OUR NEW PRESIDENT und SVETA ihre Deutschland- bzw. Europapremiere. In ersterem mixt Regisseur Maxim Pozdorovkin Nachrichtenschnipsel aus dem russischen Staatsfernsehen mit absurden YouTube-Bekenntnissen von russischen Trump-Fans zur US-Präsidentenwahl zu einer abgründigen Mediensatire.

Found Footage verarbeitet auch Dmitrii Kalashnikov in THE ROAD TRIP, der schon am Donnerstag in der Sektion Bioskop lief, und auch er blickt in YouTube-Abgründe zum Thema Russland. Der Film ist komplett aus Dashboard-Cam-Material kompiliert, aus Aufzeichnungen von Auto-Kameras also, vorgefiltert durch die auf Online-Portalen verfügbare Auswahl. Das ergibt eine Schleife „sensationeller", teils erschreckend gewalttätiger Zufallsaufnahmen von Leben und Tod im russischen Straßenverkehr.

 
 

Sehr viel leisere Töne schlägt Porträtgast Boris Khlebnikov in seinen Filmen an. Wahrheiten sucht er nicht in provokanten Meinungsäußerungen und einer lauten politischen Message – das überlässt er Journalisten und Politikern, wie er im Werkstattgespräch im rappelvollen Festivalzentrum erklärte. Viel mehr bekommen wir vom Innenleben seiner Protagonisten mit.

"Wer im Kopf frei ist, ist für das System viel gefährlicher als jeder Dissident"- so Khlebnikov.

FREE FLOATING, Khlebnikovs zweiter Spielfim, zeigte gestern einen Sommer in einem russischen Kaff an der Wolga. Khlebnikovs Lieblingsschauspieler Aleksandr Yatsenko verkörpert dort wortkarg und unglaublich lustig den jungen Elektrolehrling Lyonya, der seine Arbeit und Orientierung verliert. Die beiden heutigen Khlebnikov-Filme A LONG AND HAPPY LIFE und TILL NIGHT DO US PART sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen!

 

Lernen und selber machen – Filmnachwuchs bei goEast

So unterschiedlich die Filme, so unterschiedlich schreiben die Nachwuchskritiker/innen vom Workshop der Kritik bei goEast. Neun Film- und schreibbegeisterte Studis zeigen im Kritikerblog ihre kreativen Leinwandeindrücke. „Das macht richtig Bock aufs Anschauen", sagt Workshopleiter und Filmkritiker Toby Ashraf.

Sein Motto: „Filmkritik gibt es nicht". Von Tabula Rasa, Mut und Neugier führt das zu Whatsapp-Streitgesprächen, Kritiken in Gedichtform und Liebeserklärungen an die bewunderte Filmfigur.

Reinklicken und Nachlesen auf kritikerblog.com.

Alles auf Austausch! An Tag 4 bei goEast ging es rund im Programm des East-West Talent Lab. Am Freitag war bereits die polnische Games- und Virtual-Reality-Schmiede Farm 51 zu Gast und verpasste den begeisterten Teilnehmer/innen Roboterbrillen für einen virtuellen Trip nach Tschernobyl.

Gestern stand dagegen Real-Life Austausch auf dem Programm. Networking Galore gab's beim „Speed Dating" der Teilnehmer/innen. Unangefochtener Speed-Dating-König des Tages und stolzer Gewinner eines goEast T-Shirts war Konstantin aus dem sibirischen Krasnojarsk.

Das spätere Meet & Greet mit den Teilnehmern der Programmsektion Oppose Othering! nutzten die beiden Tschechen Antoan und Jiri für eine spontane „Lie-In"-Intervention auf Wiesbadens Straßen, Vorgeschmack auf das große öffentliche Pitching der 14 ausgewählten Projekte am Montag. Die Konkurrenz ist stark, und der Preis ist heiß: der Gewinner-Pitch wird mit dem schick dotierten goEast Development Award ausgezeichnet.

Ein absolutes Highlight sind die bei Oppose Othering! entstandenen Tandem-Filme gegen Ausgrenzung, die goEast heute und morgen als Weltpremiere präsentiert. Stay tuned!