Festivalblog Tag 5

Alles auf die 18

Leute, langsam geht's ans Eingemachte. Ein voller Kino-Sonntag von Matinee bis abendlichem HAIR: In Memoriam Miloš Forman liegt hinter uns und der Wochenstart bedeutet: nur noch einmal schlafen bis zur Preisverleihung von goEast 2018.

Gleich vier Anwärter auf eine goEast-Lilie feierten gestern in Wiesbaden ihre Deutschlandpremiere. THE MARRIAGE erzählte von einer homosexuellen Liebe im Kosovo, THE BOTTOMLESS BAG entführte in einen rätselhaften Zauberwald voller Symbolik. Und dann gleich noch ein Film über einen Wald. Ganz ohne Menschen, ganz ohne Kommentar, dafür mit exquisitem Waldsound ist THE ANCIENT WOODS das magische Porträt der Bewohner eines der letzten Urwälder Europas. In echt ist der Wald nur noch zu 0,2 % erhalten, ein wichtiges Anliegen von Regisseur, Sergey-Loznitsa-Kameramann und Biologe Mindaugas Survila.

Von der Erhabenheit der Natur zum profanen Alltag einer Filmfamilie, denn Kunst ist bekanntlich schön, macht aber viel Arbeit. Wenn beide Eltern am Frühstückstisch über Monate nur ein Thema haben, kann man sich die entnervten Gesichter der Kinder vorstellen. Wie es ist, mit Familienmitgliedern zu drehen, darüber plauderte auch Leo Gabriadze aus dem Nähkästchen. Der Georgier stellt in REZO die Lebenserinnerungen seines Vaters in den Mittelpunkt, des bekannten sowjetischen Künstlers Revaz Gabriadze und erweckt die von ihm gezeichneten Bilder zu einem so einnehmend fantasievollen Biopic, dass das Wiesbadener Kinopublikum vom Hocker gerissen war.

Schmankerl: das Schicksal einer Filmfigur führt am Ende in die hessische Landeshauptstadt. Laut Regisseur angeblich purer Zufall. Pah! Dabei wissen wir doch alle um Wiesbadens innige Verbindungen zum Osten.

Wo doch sogar Fjodor Dostojevskij seinen „Spieler" hier geschrieben hat, musste am Abend eine Tour ins legendäre Wiesbadener Casino für neugierige Regie- und Jurygäste her. Moi, la Festivalbloggerin, war dabei und setzte alles (2 Euro) auf die goEast-18. Könnt ihr's glauben? Sie fiel.

Oppose Othering! und EWTL

Masterclasses mit den Größen des Faches sind bei goEast wichtige Gelegenheiten für Nachwuchsfilmer/innen, Erfahrungen auszutauschen und Tipps aus erster Hand zu erhalten. Ildikó Enyedi ist diesjährige Jurypräsidentin und gab sich am Sonntag im East-West Talent Lab die Ehre.

Am Abend feierte goEast zwei außergewöhnliche Weltpremieren. Die Sektion OPPOSE OTHERING! bietet Filmen gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit eine Plattform und geht dieses Jahr bereits in die dritte Runde. 2018 stehen bei OPPOSE OTHERING! handfeste und originelle „How To's" im Mittelpunkt –

"How To: Oppose Othering Without Losing your Sense of Humour" und „How To: Withstand Political Pressure".

Seit letztem Jahr hatten internationale Regie-Tandems zwölf Monate Zeit, eigene Filme zum Thema zu drehen. Vor brechend vollem Kinosaal im Festivalzentrum bewiesen die Tandems von IN THE FRAME und ANTIGONNA einen Mut, der einem die Klappe offenstehen ließ.

Die Themen Körper, Tabu, Trauma und sexuelle Identität klangen in beiden sehr persönlichen Beiträgen an, die auch filmisch spannend waren. Das macht neugierig auf die heutigen Weltpremieren von BOND und MY HOME VIDEO.

 

Mit Festivaltag 5 ging das Symposium zum Kino der baltischen Länder zu Ende, das einige der größten Namen aus Filmkultur und -wissenschaft Estlands, Lettlands und Litauens in Wiesbaden versammelt hatte, darunter die gefeierten Regisseur/innen Laila Pakalniņa, Priit Pärn, Audrius Stonys und Mait Laas.

Nicht nur die Gesellschaften, sondern auch die Kinokulturen der baltischen Länder erlebten mit der Wende von 1990 erneut gewaltige Umbrüche hin zur privaten kommerziellen Filmproduktion. Befreiung von Zensur, aber auch Identitäts- und Bedeutungsverlust gewachsener Kinokultur, waren Themen der Sonntagsvorträge.

Um zwei MEISTER DER ZEIT, die estnischen (Puppen-)Animationspioniere Elbert Tuganov und Heino Pars ging es in der liebevollen Trickfilmdokumentation von Mait Laas und zwei Kurzfilmhighlights aus deren Werk.

Teil Zwei des Zocker-Abends fand dann noch im Festivalhotel statt. Im Foyer feierten die Teilnehmer/innen des Open Frame Awards nachts mit den beliebten VR-Brillen ihre eigene Party, wo VR-Artist Denis Semyonov mit dem 3D Mal- und Animationstool Quill mal eben das goEast-Plakat-Setting von Mária Švarbova in 3D rekreierte. Samt Schwimmhalle! Heute können goEast Gäste im Festivalzentrum Schabernack mit dem Tool treiben.