Wahrheit und Wettbewerb

Festivalblog Tag 2

Der Wettbewerb ist eröffnet: An Tag 2 von goEast gingen die ersten drei Beiträge, HUNGARY 2018, MOON HOTEL KABUL und END OF SEASON ins Rennen um die goldene Lilie in Wiesbaden. Die Regisseurinnen Eszter Hajdú und Anca Damian sowie die Darsteller/innen Zulfiyye Qurbanova und Mir-Movsum Mirzazade kamen am Abend zum Filmgespräch ins Festivalzentrum.

„Solche Familien gibt es gar nicht in Azerbaidschan", versicherte mit Nachdruck Hauptdarstellerin Zulfiyye Qurbanova über die Beziehungskonstellation in END OF SEASON. In dem Debütfilm des Regisseurs Elmar Imanov leben Fidan (Qurbanova), Samir und Sohn Machmud (Mirzazade) auf engem Raum wie drei Inseln mehr neben- als miteinander in einer Plattenbausiedlung in Baku – bis es zu einem (Tabu)Bruch kommt. Wie seine Protagonist/innen lässt der Film das Meiste unerzählt, Menschen verschwinden oder faden aus, und dann sitzen sie plötzlich wieder am Küchentisch. Aber gibt's das wirklich nur im Kino?

Auch MOON HOTEL KABUL erzählt von einem Bruch mit der inneren Entfremdung von der Welt. Ein zynischer Journalist hantiert in der Kriegsberichterstattung aus Afghanistan routiniert mit Wahrheit und Narration, als der vermeintliche Selbstmord einer flüchtigen Bekanntschaft ihn unerwartet trifft.

Auch diese Beziehung findet ein Gesprächsteilnehmer „unrealistisch", und ja, auch in diesem Film waltet nicht nur die Logik des Narrativs. Eine bewusste Entscheidung der Regisseurin Damian, die zugibt: „Es ist keine rationale Abwägung, die den Protagonisten antreibt, hier sind Emotionen am Werk", und: „Es ist an der Zeit, dass wir alle zu unserer Wahrheit finden, denn dieses System funktioniert nicht."

Wenn ein Film für das symptomatische Versagen der Wahrheit steht, ist es Eszter Hajdús HUNGARY 2018, der die Wahlkampagnen des Rechtspopulisten Viktor Orbán und seines haushoch unterlegenen Mitte-Links-Opponenten Ferenc Gyurcsany im April dokumentarisch begleitet. Dabei entsteht sowohl aufrüttelndes Material aus der populistisch-rassistischen Kampagne Orbáns wie auch erstaunliche Aufnahmen aus dem persönlichen Umfeld Gyurcsanys. Eines wird dabei klar: Hier werden überhaupt keine Schlachten mehr um Inhalte geführt, und wer Gehör will, setzt auf brandstiftende Floskeln – eine alarmierende Bestandsaufnahme.

What went wrong in the Nineties?

Auch außerhalb des Wettbewerbs wurde viel diskutiert. „What went wrong in the Nineties?", fragte eine Paneldiskussion mit Vertreter/innen aus Politik, Wirtschaft und Film, die die Filmreihe „Bleibt alles anders?" begleitete. „Nicht viel!", könnte man meinen. Aber „Warum ist Europa dann in der Krise?" Die Bandbreite der Antworten zeigte einmal mehr, dass Wahrheiten selten von der Stange zu haben sind und die Perspektive entscheidend ist. Ein Glück gibt es Filme – vielschichtig, vielstimmig.

Symposium: Roma und das Kino Mittel- und Osteuropas

Die besondere Arbeit mit den Figuren in seinen Filmen war Thema eines kurzen, aber spannenden Filmgesprächs mit dem serbischen Regisseur Želimir Žilnik, der für sein sozial engagiertes Kino bekannt ist und sich zuletzt vor allem dem Flucht und Migration in Europa widmet. In Wiesbaden präsentierte er KENEDI GOES BACK HOME und erzählte von der engen filmischen Zusammenarbeit mit den von ihm porträtierten Menschen, die innerhalb Europas in ihre vermeintlichen „Heimatländer" abgeschoben werden. So wie der junge Roma-Protagonist Kenedi, der sich nach neun Jahren in Deutschland als Jugendlicher in Serbien zurechtfinden soll.

Damit begann gestern auch ein weiterer Themenschwerpunkt von goEast 2019. „Konstruktionen des Anderen. Roma und das Kino Mittel- und Osteuropas" lautet der Titel des diesjährigen Symposiums, das sich Europas größter Minderheit widmet. Heute sind die Symposiumsvorträge im Museum Wiesbaden gestartet und von den spannenden Beiträgen erfahrt Ihr morgen im Blog. Bis dahin kündigt sich für heute Abend ein Kulturaustausch ganz ohne Kinosessel an: Die berühmt-berüchtigte goEast Party im Schlachthof Wiesbaden öffnet ihre Tore für ausgelassene Feierei bis in den Morgen, wir sehen uns!