Gipsies and other Fairy Tales

Festivalblog Tag 3

„Roma sind die unbeliebteste Minderheit in Europa", das war Anfang der Woche die Schlagzeile vom Internationalen Tag der Roma am 8. April. goEast will verstehen: Wer und was prägt die Bilder, die wir uns von Roma machen? Welche Folgen und Wirkungen haben sie für Europas größte Minderheit und die jeweiligen Mehrheitsgesellschaften? Tag 3 von goEast beleuchtete in drei Symposiumsvorträgen und geballtem Filmprogramm das Thema „Konstruktionen des Anderen. Roma und das Kino Mittel- und Osteuropas".

Symposiumsleiterin Barbara Wurm möchte „frischen Schnee" auf die verschütteten Spuren der Roma im Film werfen und diese im Jahr 2019 neu lesen. Dafür blickt sie gemeinsam mit den Referent/innen von der sowjetischen, mittel- und südosteuropäischen Filmgeschichte bis ins „heute" des Kampfes um Gleichberechtigung und Repräsentation, der eigentlich gerade erst (wieder) begonnen hat, wie das Debüt der Romni Galya Stoyanova PAGES OF MY BOOK gestern zeigte, in der sich die Regisseurin in eine Folklore-Version ihrer selbst verwandelt.


Die Wissenschaftlerin Radmila Mladenova entschlüsselte am Festivalfreitag anhand des Aleksandar-Petrović-Klassikers I EVEN MET HAPPY GIPSIES beispielhaft die Inszenierung einer „Zigeuner-Maske" im Verhältnis zur „weißen Maske" auf der Filmleinwand. Anschließend am Abend konnte man den einflussreichen Film mit geschärftem Blick im Kino sehen. Mladenova präsentierte nicht ohne Ironie einen 5-Punkte-Katalog, wie ein „Zigeuner-Film" ausschließlich von, für und aus Sicht der „weißen" Mehrheitsgesellschaft zu machen sei –

eine offensichtliche Schablone für die Filmgeschichte Europas. Doch dass sich filmische Roma-Bilder im Wandel befinden, zeigen 2019 bei goEast noch bis Sonntag vor allem aktuellere Dokumentarfilmbeiträge wie Želimir Žilniks erwähnter KENEDI GOES BACK HOME, TRAPPED BY LAW von Sami Mustafa (heute um 22 Uhr), MERRY IS THE GIPSY LIFE, (heute um 18 Uhr) THE CURSE OF THE HEDGEHOG (morgen um 20 Uhr, alle im Murnau-Kino), aber auch Zdeněk Tyc' einfühlsames Drama BRATS, das heute um 20 Uhr in Anwesenheit des Regisseurs zu sehen sein wird.


Hochinteressant daher auch eine der zwei spektakulären Archivpräsentationen bei goEast 2019 (die morgige um 14 Uhr darf man auch nicht verpassen!): Für das digitale RomArchive berichteten Filmkuratorin Katalyn Bársony und Politik-/Foto-Kurator André Raatzsch unter anderem über die wachsende Filmproduktion innerhalb der Roma-Gemeinschaft. Mehr über das Archivprojekt unter: www.romarchive.eu

Erstmals in deutschen Kinos: Neues vom goEast Wettbewerb und RheinMain Kurzfilmpreis

Weltpremiere feierte in Wiesbaden am Freitag Andrei Kutsilas Wettbewerbsbeitrag STRIP AND WAR, ebenfalls eine dokumentarische Arbeit. „Stranger than Fiction" mutet das rührende Duo aus Großvater Anatoliy Senior, einem Ex-Militär, und Enkelsohn Anatoliy Junior an, der die Militäruniform nur für seine Strip-Performances in Nachtclubs braucht. In Minsk teilen beide eine Wohnung, aber eben keineswegs die Weltanschauung.

Die Spielfilmdebüts MOMENTS von Beata Parkanová, auch eine internationale Premiere,

und ACID des Regisseurs und Gogol-Center-Schauspielers Alexander Gorchilin gingen ebenfalls im goEast Hauptwettbewerb an den Start. Zu Gast waren die Schauspielerinnen Jenoféva Boková und Arina Shevtsona und eröffneten im Filmgespräch heute morgen Perspektiven auf Frauenrollen vor und hinter der Kamera. Mit der selbstlosen Figur Anežka, die in MOMENTS zaghaft zu ihren eigenen Wünschen und Sehnsüchten findet, kann sich Darstellerin Boková wenig identifizieren – doch dass künstlerische Stimmen von Frauen es in der Filmwelt ungleich schwerer haben, Gehör zu finden, ist 2019 nach wie vor eklatant.

Überraschend verriet die Russin Shevtsona über ihr Schauspieldesbüt in ACID, dass sie ihre Karriere lieber hinter der Kamera fortsetzen möchte. Filmisch will sie nämlich genau das ausloten, was der Lebensausschnitt ihrer Filmfigur offen lässt: Wohin entwickelt sich so ein Frauenleben, mit welchen Werten und Zielen identifizieren sich Frauen heute überhaupt jenseits von Familiengründung und dem Happy End der Ehe?

Zahlreiche weitere Deutschlandpremieren präsentierte am Abend die allererste Ausgabe des RheinMain Kurzfilmpreises in der Caligari FilmBühne. Das kurze Format präsentierte sich bunt, mutig und vielfältig. Brachialer Splatter-Humor begeisterte in WHY SO SIRIUS; TEOFRASTUS machte der Animationsnation Estland alle Ehre und MOTEL STRUGURAȘ war mein persönliches, skurriles Highlight: Sternstunden der Bedeutungslosigkeit im abrissreifen Motel Moldau.

Wie quetscht man so einen überquellenden Tag in einen Blogbeitrag?

Indem man auf Fast-Forward drückt:
Der weißrussische Regisseur Sergei Loznitsa war auch noch da und zeigte THE TRIAL, kommt's halt selbst und hört ihn Euch in der Masterclass am Sonntag an. Highlights aus dem Werk von Polens Regie-Größe Krzysztof Zanussi am laufenden Band – auch dieser Meister gibt sich am Sonntag im Werkstattgespräch die Ehre. Der Open Frame Award für Virtual Reality und auch die Fotoausstellung EASTERN FAIRY TALES von Frank Herfort, der das fantastische goEast Visual entspringt, lockten zur Vernissage im Museum Wiesbaden. Das Paneuropäische Picknick gab mit polnischen Delikatessen im Feinkostladen Smakosz einen Vorgeschmack aufs heutige Spektakel auf dem Wiesbadener Schlossplatz, tja, und die Teilnehmer/innen des East-West Talent Labs machten die hessische Landeshauptstadt unsicher – to be continued am Montag, dem Tag des großen öffentlichen Projekt Market Pitch im Museum Wiesbaden.

Und dann kam die Geisterstunde und rief die aktuell angesagteste ukrainische Rapperin auf den Plan: alyona alyona fackelte mit einer krachenden ersten Deutschland-Performance das Wiesbadener Kesselhaus ab, und den Nachschlag gab es von Lieblings-DJ(ane)s Katja Garmasch und Janeck. Zurück blieben nur Ruinen und eine selige Menge erschöpfter Feiernder.