Paneuropäisches Picknick

Festivalblog Tag 4

Willkommen zum paneuropäischen Picknick! Wie die Friedensdemo an der österreichisch-ungarischen Grenze vor 30 Jahren zum Freiheitsraum wurde, macht auch goEast die Grenzen auf und lädt dazu ein, die Welt hinter dem eigenen Horizont kennenzulernen.

Zu goEast kommen diese Woche mehr als 200 Film- und Fachgäste aus Deutschlands östlichen Nachbarländern und mehr denn je bringt die hessische Landeshauptstadt sich in den Austausch mit ein. Frisch, aber herrlich sonnig war es gestern Mittag, als der Wiesbadener Schlossplatz zur offenen goEast-Kulturbühne wurde. Stände der polnischen, rumänischen, ungarischen, bulgarischen und kroatischen Communities in Wiesbaden gaben Einblick in die lokale Kunstszene, boten Reisetipps und verköstigten Wein und Leckereien. „Kommen Sie miteinander ins Gespräch und nutzen Sie die Gelegenheit, sich auszutauschen" rief Festivalleiterin Heleen Gerritsen gemeinsam mit der Direktorin des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum Ellen Harrington und Dr. Julia Cloot vom Förderer Kulturfonds RheinMain die zahlreichen Besucher/innen auf. Es klang nach Akustik und Beats von Mala Isbuschka und DJ Janeck: Kann man besser in den Festivalsamstag starten?

ACTION! Wie man Antiziganismus bekämpft

Währenddessen wurden im Museum Wiesbaden neue Stimmen zu einem europäischen Thema laut, das von uralten Stereotypen geprägt ist: Welches Bild der Roma gibt das Kino Mittel- und Osteuropas ab? Romafiguren sind im Kino fast immer „die Anderen", die anderen Europäer, die anderen Männer, Frauen, die anderen Menschen. Geschlechts- und staatliche Normen nahm Referentin Rebecca Podlech unter die Lupe und zeigte Beispiele aus der tschechoslowakischen Filmgeschichte.
Und wo sind sie heute, die Stimmen der Roma und Romnija als Subjekte ihrer eigenen (Film)geschichte? Immer mehr Aktivist/innen setzen sich dafür ein, neue Bilder zu produzieren und in der Gemeinschaft sichtbar zu machen. Zum Beispiel Sami Mustafa, der sich in verschiedensten Romani-Initiativen, wie der International Romani Film Commission, engagiert, das Rolling Film Festival in Pridhtina und die Produktionsfirma Romawood initiiert hat. Besonders wichtig ist ihm, dass sich neue Perspektiven auch im Publikum wiederspiegeln und die Roma-Community erreichen. Er zeigte gestern bei goEast seinen Film TRAPPED BY LAW über zwei Rapper aus Essen, die über Nacht in ihre vermeintliche „Heimat" Kosovo abgeschoben werden.

Genre, Genre, Genre

WHITE MAMA, JAN PALACH, HIS MASTER'S VOICE und THE GENTLE INDIFFERENCE OF THE WORLD bereicherten den goEast Wettbewerb mit Genre- und Themenvielfalt. Das Dokument einer problematischen Adoption unter Aufbietung aller Kräfte liefert WHITE MAMA; JAN PALACH widmet sich dagegen fiktional (aber biografisch) einer Symbolfigur des Prager Frühlings. Der kasachische Beitrag THE GENTLE INDIFFERENCE OF THE WORLD erzählt eine Mafia-Komödie zwischen Steppe und Stadt und mit ganz eigenem subtilem Humor. Abgedreht wird es in HIS MASTERS VOICE, der pointenreich ein geradezu unerschöpfliches Filmthema durch den Wolf dreht, den Wettlauf ins All. Ist es Science-Fiction? Ist es Drama, Komödie, Mediensatire oder einfach Klamauk? Alles davon, und das hat offenkundig viel Spaß gemacht.

Genrevielfalt ist ein Merkmal, das sich durch das Festivalprogramm zieht, allen voran in der Sektion Bioskop. Die Auswahl macht Platz für Hits und Außergewöhnliches und zeigt die Bandbreite aktueller Filmproduktionen. Bereits am Freitag wartete das Programm mit Kirgisiens erstem Musicalfilm, THE SONG OF THE TREE, auf. Gestern war BRIDGES OF TIME von Audrius Stonys und Kristīne Briede zu sehen, eine Hommage an die Baltische Neue Welle der 1960er und 1970er, die auch stilistisch den poetischen Dokumentarfilm zum Leben erweckt. Aufsehenerregend dürfte der Dokumentarfilm PUTINS WITNESSES sein, der heute, 18 Jahre nach Entstehung des Materials, verblüffend intime Aufnahmen des damaligen Newcomers Wladimir Putin präsentiert. Der Regisseur Vitaly Mansky, mittlerweile im Exil, reflektiert in dem Film auch seine eigene Position als Filmemacher. PUTINS WITNESSES läuft morgen um 18 Uhr im Murnau Kino.

Virtual Reality und Musikvideos in subversiv

Bereits im zweiten Jahr widmet sich der goEast Open Frame Award Virtual-Reality-Werken, die noch bis Mittwoch im Museum Wiesbaden zu sehen sind. Die Erfahrung mit der VR-Brille entzieht sich sowieso jeder Genrekategorie und lässt den/die User/in zum/r Protagonist/in der eigenen Fiktion werden. Das fühlt sich überwältigend real an ... Und gerade diese Spannung zwischen Spiel und Realität, aktivem Erleben und Medienkonsum haben mittel- und osteuropäische Künstler/innen längst für sich entdeckt. Die acht Werke, die um den Award konkurrieren, stellen die User/innen vor journalistische Entscheidungen, beamen sie mitten auf den Majdan oder aber in ein abgelegenes rumänisches Sumpfgebiet.
Eine oft übersehe Filmform hatte gestern ebenfalls einen großen Auftritt: MUSIC VIDEOS ARE BACK! hieß das Programm, das hierzulande kaum bekannte Clips von alyona alyona über die russischen IC3PEAK hin zu Borghesia aus Slowenien und vielen mehr zeigte – und mit den ic3-coolen Film- und Musikexpertinnen Natalie Gravenor und Ewa Mazierska analysierte.