Meister, Geister und das Böse im Menschen

Festivalblog Tag 5

Seine ersten Schauspielerfahrungen machte er mit dem Film- und Theaterregisseur Neco Çelik in Berlin Kreuzberg, beide hatten die Schule abgebrochen, beide haben sich mit Gangs herumgetrieben, bevor sie zum Film fanden. Heute ist Kida Ramadan einer der gefragtesten deutschen Schauspieler – „Typecasting" zeigt ihn häufig in der Rolle des arabisch- bzw. türkischstämmigen Gangsterbosses. In KANUN hielt er nun selbst die Fäden in der Hand.
Ramadans Regiedebüt, das er in Ko-Regie mit Til Obladen realisierte, war gestern als goEast Sonntagsmatinee in Wiesbaden zu sehen.

In dem Film lebt der Albaner Agim (Ramadan) als Obdachloser in Berlin, als Kind musste er vor der Blutrache fliehen. Doch die Vergangenheit holt ihn ein. Per Facetime grüßte Ramadan das Wiesbadener goEast-Publikum gut gelaunt aus dem Krankenbett. Ko-Regisseur Obladen, der zu Gast war, erzählte von den Dreharbeiten in Mazedonien, von Stereotypen und der Zusammenarbeit des Filmteams, zu dem auch die Darsteller Frederick Lau und Blerim Destani gehören.

Masterclass mit Sergei Loznitsa „Wir müssen Stalin begraben“

Sein jüngster Film THE TRIAL (Protsess, 2018) und eine Masterclass am Sonntag brachten den vielfach preisgekrönten Regisseur Sergei Loznitsa zum zweiten Mal zu goEast.
Kristallklare Worte zum Einstieg: „Vor sieben Jahren habe ich hier einen jungen Mann getroffen, der heute in einem russischen Gefängnis sitzt: Oleg Sentsov. Ich hoffe, dass dieses Schicksal keinen der heute hier Anwesenden ereilt." Vor zwei Jahren lief bei goEast Askold Kurovs Film über den Prozess gegen diesen jungen Mann. Titel? THE TRIAL: THE STATE OF RUSSIA VS. OLEG SENTSOV (Protsess: Rossiyskoye gosudarstvo protiv Olega Sentsova, 2017). Nein, Parallelen zu wahren Personen und Begebenheiten sind nicht zufällig. In wenigen Filmen über fast hundert Jahre zurückliegende Geschichte fühlt man die Gegenwart so bleischwer und dringlich wie in Loznitsas Werk.

Nach seinen frühen Filmen, die Menschen in der russischen Provinz porträtieren, wird in den letzten Jahren insbesondere die Stalin-Ära ein immer wichtigeres Thema. Seine Haltung könnte deutlicher nicht sein und wirkt in Bezug auf die Begrüßung als messerscharfes Statement: „Wir müssen Stalin endlich begraben" fordert der Regisseur, der in THE TRIAL die sowjetischen Schauprozesse gegen eine „Industrie-Partei" rekonstruiert, die es nie gab. Im goEast Festivalzentrum nahm der Regisseur den voll besetzten Zuschauersaal mit in den Produktionsprozess seines aktuellsten Projekts, das die Schlacht um Kiew 1941 im Zweiten Weltkrieg umkreist.

Spektakuläre Wiederentdeckung

Ein einmaliges Zeitdokument präsentierte goEast gestern als Deutschlandpremiere mit Live-Klavierbegleitung von Uwe Oberg im Caligari Kino. ANNIVERSARY OF THE REVOLUTION (Godovshchina Revolyutsii, 1918) dürfte der weltweit erste abendfüllende Dokumentarfilm sein und ist ein lange verloren geglaubtes Werk des großen Filmpioniers Dziga Vertov. In 121 Minuten dokumentiert der Film unmittelbar die Ereignisse der russischen Oktoberrevolution – die bis heute in erster Linie mit den Kinobildern Sergei Eisensteins verbunden werden. Über die aufsehenerregende Rekonstruktion der erhaltenen Einzelpassagen anhand einer wiederentdeckten Shotliste sprach die Filmwissenschaftlerin Oksana Bulgakowa mit dem filmhistorischen Leiter Nikolai Izvolov.

Hommage: Krzysztof Zanussi

Die goEast Hommage ist 2019 einem Regisseur gewidmet, der in den 60er Jahren das Kino seines Heimatlandes Polen erneuerte und bis heute seinen wachen Blick für die großen ethischen Fragen nicht verloren hat: Krzysztof Zanussi.
Ist der Mensch von Natur aus Böse? „Nein", sagte Zanussi im gestrigen Werkstattgespräch. „Aber er ist auch nicht von Natur aus gut". Die „Bestie" Mensch geht in seinem Neuling ETHER (Eter 2018) in Gestalt eines perfiden Mediziners um, der im Namen der Wissenschaft irgendwo am Rande des Zarenreich kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs versucht, Menschen ihres freien Willens zu berauben. Bald wird klar: der leibhaftige Teufel ist hier am Werk.
In Zeiten, in denen Ethik und Moral zu politischen Propagandawaffen verkommen, erobert Zanussi sie für den Menschen zurück, „denn zwischen Gut und Böse liegt eine freie Entscheidung."