Endspurt!

Festivalblog Tag 6

Bühne frei für das East-West Talent Lab

14 Projekte – je fünf Minuten Zeit, lautete die Regel für den öffentlichen Project Market Pitch am Festivalmontag. 14 Teilnehmer/innen des goEast Nachwuchsprogramms hatten Gelegenheit, ihr Filmprojekt vor Publikum und einer Fachjury vorzustellen und sich direktes Feedback zu holen. Die drei Juror/innen, der Kulturmanager Walter Nagy, die Fernsehredakteurin Sabine Bubeck-Paaz und die Leiterin des Nürnberger Menschenrechtsfestivals Andrea Kuhn begutachteten Inhalt und filmische Umsetzung der vorgestellten Projektideen und hatten dabei kein leichtes Los. Die Bandbreite war groß und die Qualität der vorgestellten Projekte hoch:

Wie funktionieren autoritäre Systeme? Was können wir von einem zehnjährigen Kind mit unverwüstlichem Freiheitsdrang über die ungarische Gesellschaft lernen? Und wie können ein Vater, ein Pilot in Afrika, und seine Tochter, die moldawische Regisseurin Ksenia Ciuvaseva, ihre Familie mit Videotagebüchern vor dem Auseinanderbrechen bewahren? Um Migration und Familie ging es unter anderem in dem Projekt LANDING.

Einen spannenden Clash of Cultures inszeniert eine polnisch-brasilianische Regisseurin im ukrainischen Städtchen Uman, das nach dem Zerfall der Sowjetunion zu einer jüdischen Pilgerstätte wurde. In REBBELLION treffen eine genervte Anwohnerin, eine tschechische Prostitutierte, ein israelischer Souvenirverkäufer und ein ukrainischer Bildhauer aufeinander. Letzterer stellt Statuen eines kontroversen Kosakenführers aus der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung her, der neben seinen patriotischen Heldentaten auch ein Pogrom gegen die Juden und Polen der Stadt Uman anzettelte.

THE MOTHER'S CRUSADE widmet sich Gewalt und Missbrauch im russischen Militär, einem Tabu-Thema, das nur durch den Protest zahlreicher Soldatenmütter ganz allmählich an die Öffentlichkeit dringt. Neben der intensiven Präsentationsvorbereitung gehören auch Gespräche mit europäischen Produzent/innen, Mentoring und Paneldiskussionen zum umfangreichen Fortbildungsprogramm für Nachwuchsfilmer/innen bei goEast. Erstmals ist das East-West Talent Lab dieses Jahr speziell dem Thema Menschenrechte gewidmet.

Menschenrechtlich engagiertes Kino: Renovabis-Stipendium und OPPOSE OTHERING!

Dabei geht es wie immer auch sehr praktisch zu. Ein öffentliches Panel mit dem ganz unironischen Titel „Survival kit for film makers – risks and dangers" diente am Montag dem Erfahrungsaustausch zur Arbeit mit regierungskritischen Themen und unter gefährlichen Umständen. Es war dem investigativen Filmemacher Aleksandr Rastorguev gewidmet, der 2018 bei Dreharbeiten in der Zentralafrikanischen Republik ums Leben kam. Panelteilnehmerin Eszter Hajdú erzählte etwa, dass sie aufgrund ihres politischen Profils nur im Ausland produzieren könne und für investigatives Filmmaterial auf die Mitarbeit Dritter zurückgreifen müsse. Sogar die Aufmerksamkeit durch Pitchings in einem frühen Projektstadium gelte es, abzuwägen.

Panelmoderatorin Rebecca Podlech stellte fest, dass Filmschaffende in ihrer Arbeit häufig den gleichen Gefahren wie Journalist/innen ausgesetzt seien, jedoch weniger professionelle Vorbereitung und Unterstützung erhielten. Sie stellte Sicherheitsstipendien von Bundesregierung und EU vor, von denen auch Filmschaffende profitieren können.

Sieben Projekte des East-West Talent Lab haben dieses Jahr neben dem Wettbewerb um den goEast Development Award zusätzlich die Chance auf das Renovabis-Recherchestipendium, das Projektvorhaben zum Thema Menschenrechte fördert. Schon Dienstagabend können wir uns mit den Gewinner/innen freuen!

Kritikerblog

Noch eine Nachwuchssparte kommt bei goEast auf ihre Kosten. Der Workshop der Kritik, angeleitet von Toby Ashraf, bildet im bereits dritten Jahr während goEast die nächste Generation engagierter Filmkritiker/innen aus. Die vielstimmigen Ergebnisse sind auf kritikerblog.com nachzulesen.

Deutschlandpremieren im Wettbewerb und im Wodka-Express auf "Die Reise nach Petuschki"

Kaum zu glauben, aber das war erst der Beginn eines vollgepackten Festivalmontags, der noch sehr viel mehr zu bieten hatte: Die ukrainisch-französisch-polnische Produktion HOME GAMES über eine Fußballspielerin in schwierigen Familienverhältnissen und COLD NOVEMBER, der im Kosovo vor Kriegsbeginn spielt, feierten ihre Deutschlandpremieren im goEast Wettbewerb. In der Diskussion mit den Regisseur/innen Alisa Kovalenko und Ismet Sijarina sowie deren Produzenten erfuhr das Wiesbadener Publikum viel über das Leben in seinen Nachbarländern. Wieso werden Tote im offenen Sarg aufgebahrt? Wieviele Menschen haben den Kosovo während und nach dem Krieg verlassen und welche Rolle spielt es im Kosovo, Muslim oder Christ zu sein? Die (Kosovo-)albanische Community kam zahlreich und mit Smartphones ausgestattet, um den Fernsehstar und Produzenten von COLD NOVEMBER, 

Fatmir Spahiu live zu erleben und sogar Botschaftsrätin Shota Bukoshi aus Berlin ließ sich das Premierenscreening nicht entgehen. „Leider kriegen wir hier in Deutschland viel zu wenig mit", bedauerte Festivalgast Erika Gregor. „Deshalb sind Ihre Filme so wichtig für uns."

In der Veranstaltungsreihe „Paneuropäisches Picknick" war der Schauspieler Ivan Shvedoff, bekannt aus BABYLON BERLIN, zu Gast und las zum Abendausklang in einer eigens für goEast-Gäste tourenden Bimmelbahn durch Wiesbaden aus Wenedikt Jerofejews Anarcho-Klassiker Die Reise nach Petuschki, inklusive Wodka-Verköstigung. Zwei weitere Gastspiele, hervorragende Genre-Vertreter im Doppelscreening vom Fantastic Zagreb Film Festival und drei Kurzfilmgewinner des ADAMI Medienpreises machten den vorletzten Festivaltag zu einem rauschenden Endspurt auf der Zielgeraden zur großen Preisverleihung am Abschlusstag.