goEast 2019 ist vollendet - es gibt Gewinner!

Festivalblog Tag 7

Wenn eine ganze Woche voller Bilder und Geschichten, Tage und Nächte, Erkenntnisse, Begegnungen und Abschiede an einem Abend zu Ende geht, fühlt sich das überwältigend an. Filmkunst hat gestern gewonnen – und uns bleibt viel mehr als ein wunderschöner Abschlussabend von goEast 2019.

ACID (Kislota, 2018, R: Aleksander Gorchilin) als Bester Film ausgezeichnet

Das intensive Porträt einer Gruppe von Millenials in Moskau, ACID (Kislota, 2018, Produktion: Sabina Eremeeva, Natella Krapivina) von Aleksander Gorchilin, ist der Beste Film der 19. Festivalausgabe, befand die Jury um Präsidentin Teona Mitevska. Als Teil eines herausragenden Casts nahm Darstellerin Arina Shevtsona den Preis entgegen. Sie gab die Anerkennung auch an Gorchilins Kollegen Kirill Serebrennikov weiter, der am Vorabend des Festivals überraschend aus dem Hausarrest entlassen worden war.

Renovabis-Recherchestipendium

Den Beginn der Galaveranstaltung in der Caligari Filmbühne läutete Festivalleiterin Heleen Gerritsen mit zwei Preisen ein „für Filme, die es noch gar nicht gibt" und präsentierte einen weiteren Erstling unter den Awards: das Recherche-Stipendium des Osteuropahilfswerks Renovabis. Obwohl neu, ist dieser Preis dennoch fest in der goEast-Tradition verankert, indem er menschenrechtlich engagiertes Filmschaffen prämiert, ein Kernanliegen von goEast. Mit dem Preisgeld unterstützt das Stipendium Regisseur Alexander Mihalkovich bei der Recherche und Entwicklung seines Projekts THE MOTHERS' CRUSADE über das Engagement russischer Mütter gegen die grauenerregende Gewaltkultur in vielen militärischen Ausbildungsstätten.

goEast Development Award

Den goEast Development Award erhielt ein weiteres Projekt, das sich in Arbeit befindet: LANDING von Ksenia Ciuvaseva aus Moldawien kreist um die Videobotschaften, die sich ein Vater, ein in Afrika arbeitender Pilot, und seine Tochter in Moldawien schicken. Das persönliche Erleben verspricht der Film klug mit universellen Fragen zu Migration, Familie und Arbeit zu verbinden.

Stifter des Preises ist eine bekannte Vodka-Marke. Russian-Standard-Vertreter Max Garth fasste in charmante Worte, was beim feierlustigen goEast-Publikum breite Zustimmung fand: „Vodka bringt Menschen zusammen. Aber machen wir uns nichts vor, noch viel besser und nachhaltiger gelingt das herausragenden Filmen, die die Welt verstehen helfen. Deshalb freuen wir uns sehr über die Möglichkeit, junge Talente zu unterstützen."

Preis der Landeshauptstadt Wiesbaden für die Beste Regie und FIPRESCI-Preis an Adilkhan Yerzhanov

Welches Kraut ist gegen die Gleichgültigkeit der (Mit)menschen gewachsen? Die kasachische Steppe, farbenprächtig und märchenhaft inszeniert, und der ganz eigene Humor, der in den Bildern von Adilkhan Yerzhanovs THE GENTLE INDIFFERENCE OF THE WORLD (Laskovoe Bezrazlichie Mira, 2018) steckt. Dafür erhielt der Regisseur gestern den Preis der Landeshauptstadt Wiesbaden für die beste Regie, schicke 7500 Euro Preisgeld, und den Preis der Internationalen Filmkritik FIPRESCI obendrauf.

Die FIPRESCI-jury zeichnete auch einen Dokumentarfilm aus: STRIP AND WAR des Weißrussen Andrei Kutsila, der das Zusammenleben eines alternden Ex-Militärs und seines strippenden Enkelsohns zeigt. „Wir freuen uns sehr über diesen ersten Preis für den Film – es war ja unsere Weltpremiere – und deshalb auch auf alles, was noch kommt." sagte Regisseur Kutsila selbstbewusst.

Preis für HOME GAMES (Domashni Igri, 2018): Auswärtiges Amt würdigt kulturelle Vielfalt

Mutter tot, Vater apathisch bis gleichgültig, Tochter: beste Fußballerin weit und breit. Den dokumentarischen Blick auf die widrigen Familienverhältnisse in HOME GAMES (Domashni Igri, R: Alisa Kovalenko 2018) würdigte die Internationale Jury als Ausdruck kultureller Vielfalt. Staatssekretärin Ayse Asar vergab den eigens hierfür ausgelobten Preis des Auswärtigen Amtes stellvertretend.

Eine lobende Erwähnung gab es für COLD NOVEMBER (Nentor i Ftohte, 2018, R: Ismet Sijarina), den ersten Film aus dem Kosovo, der sich mit den Anfängen des Kriegs auseinandersetzt.

Open Frame Award für VR-Projekt AFTERMATH VR: EUROMAIDAN

Das Künstlerduo Alexey Furman und Sergiy Polezhaka freute sich riesig über den Open Frame Award für ihren Beitrag AFTERMATH VR: EUROMAIDAN im Wettbewerb für Virtual Reality. Im fünften Jahr nach den Berichten über die gewalttätige Eskalation der Majdan-Proteste führt das VR-Projekt zurück an den Ort des Geschehens und lässt User/innen in die Rolle eines Demonstranten schlüpfen.

Die Jury wollte „mehr davon" und hob am Beispiel des Preisträgerprojekts die gesellschaftliche Relevanz von VR-Formaten hervor. Sie lobten einen zweiten Beitrag, TRAIL OF ANGELS von Kristina Buožytė für die poetische Auseinandersetzung mit der Bildwelt eines traditionellen Malers.

RheinMain Kurzfilmpreis prämiert das Regiedebüt von Schauspielgröße Leon Lučev

Mit Spannung wurde die Verkündung des Gewinners der ersten Ausgabe des RheinMain Kurzfilmpreises erwartet, den der Kulturfonds Frankfurt RheinMain erstmals auslobte.

Dr. Helmut Müller, der den Preis im Namen des Kulturfonds überreichte, freute sich über die langjährige Unterstützung von goEast, das „mit jedem Jahr besser" werde. Danke, Herr Müller, das sehen wir auch so!

Jubel gab es dann für das Regiedebüt des gefeierten Schauspielers Leon Lučev, I CAN BARELY REMEMBER THE DAY (Malo Se Sjećam Tog Dana, 2018) ebenso wie für dessen rührende Videobotschaft aus Zagreb nach dem Besuch in Wiesbaden. Darin dankte er goEast, den Juries und Besucher/innen und schwärmte in den höchsten Tönen vom Festivalprogramm und der „sehr warmen" Atmosphäre. Spätestens dies war der Moment, in dem sich Wehmut über die wieder viel zu schnell verflogene Festivalwoche breit machte.

Einen ziemlich tollen Trostpreis gibt es aber für alle, ob Preisträger oder nicht, Festivalgäste oder „nur" neugierige Fernbeobachter: Wie jedes Jahr zeigt der goEast-Medienpartner am Folgetag der Preisverleihung einen Wettbewerbsfilm des Vorjahres als TV-Premiere: Heute um 22:25 Uhr ist das neueste Werk AURORA BOREALIS der ungarischen Grande Dame Márta Meszáros zu sehen. Hoffentlich können wir uns mit der Tschechin Beata Parkanová auf die deutschlandweite Ausstrahlung von CHVILKY (2018) nächstes Jahr zu goEast freuen – 3sat wird dem Film ein Ankaufangebot aussprechen.