Festivalblog Tag 5

Entdeckungsreiche Begegnungen

Der Festivalsonntag hielt am Vormittag traditionellerweise die Matinee bereit und Agnieszka Holland merkte man in keiner Sekunde an, dass sie kurz zuvor noch mit ihrem neuen Film FÄHRTE in Südostasien gewesen war. Schlagfertig und aufgeweckt moderierte sie gleich zu Beginn einfach ihren Produzenten Johannes Rexin selbst an. Im Gespräch mit Festivalleiterin Gaby Babić und Symposiumsleiterin Barbara Wurm ging es dann auch viel um selbstbewusste, feministische und freiheitliche Positionen. Klare Worte fand Holland dabei für die reaktionären Kräfte in Polen und Europa. Immer wieder unterhielt sie durch humorvolle, keiner Etikette folgenden Anekdoten. Außerdem verriet sie, was sie an Filmen von Wes Anderson und den Coen-Brüdern schätzt und warum FÄHRTE einiges an Ambiguität und interpretativer Freiheit bereithält und trotzdem versucht, die ZuschauerInnen zu unterhalten. Ein Kino, das sich nicht festlegen lässt, das fordert, überrascht und sich trotzdem nicht in Beliebigkeit verliert, daran ist der jung gebliebenen Filmemacherin noch immer gelegen.

Mit dem Ehrengast der nächsten Vorstellung, Artur „Atze" Brauner, verbinden sie gemeinsame Filme wie HITLERJUNGE SALOMON. Ein besonderes Treffen also, welches da zwischen dem bald 99-Jährigen und der polnischen Regisseurin im Caligari stattfand. Anlass war nicht zuletzt die Weltpremiere des Dokumentarfilms MARINA, MABUSE UND MORITURI – 70 JAHRE DEUTSCHER NACHKRIEGSFILM IM SPIEGEL DER CCC von Kathrin Anderson. Angereist war neben der Regisseurin auch die Familie Brauner. Artur Brauner saß mit Tochter Alice, Kathrin Anderson und Claudia Dillmann, der Direktorin des Deutschen Filminstituts, beisammen und blickte zurück auf die vielen Jahre seines Schaffens. Dr. Alice Brauner, die mittlerweile die Geschäfte leitet, berichtete vom Herzblut, das es braucht, um sich mit einer unabhängigen Produktionsgesellschaft gegen die großen Firmen der Branche zu behaupten.

Am Abend kam Ulrich Matthes mit Regisseur Dāvis Sīmanis und Produzent Roberts Vinovskis in die FilmBühne, um ihr intensives Historiendrama IM EXIL anzumoderieren. Nach dem Film besprachen sie gemeinsam mit Rati Oneli von SONNENSTADT und Tereza Nvotová und Miloš Lochman von SCHMUTZIG die Wettbewerbsbeiträge des Tages im Festivalzentrum. Zur gleichen Zeit wurde im Caligari dem im vergangenen Jahr verstorbenen Hans-Joachim Schlegel gedacht. Gaby Babić würdigte den Filmenthusiasten in einer persönlichen Einführung, die ihn auch besonders für seine Verdienste um das Festival, als Gründer des Symposiums und jahrelanges Mitglied der Auswahlkommission, hervorhob. Zu seinen Ehren liefen die 35mm-Streifen von Dušan Hanáks skurriler Komödie ICH LIEBE, DU LIEBST durch die Projektoren.
Apropos Symposium: Heute ging es zu Ende. Die Vorträge von Olaf Möller und Agnieszka Wiśniewska gaben noch einmal vielfältigen Input für die Abschlussdiskussion mit Barbara Wurm, Dr. Sabine Schöbel, Karola Gramann und Erika Gregor. Im Murnau dann der finale Paukenschlag: 8 Stunden Filme, selten gezeigte Schätze von Kira Muratova, Dinara Asanova, Binka Zhelyazkova und Wanda Jakubowska.

Bei den großen und kleinen Verbindungslinien, die man zwischen den verschiedenen Gästen und Filmen ziehen konnte, gab es auch die ein oder andere versteckte: Vielleicht lief im Murnau die amüsante Szene aus Kira Muratovas DIE WELT ERKENNEN, in der die Hauptdarstellerin mit einem Kostüm auf einer Baustelle in die Kamera rezitiert, genau in dem Moment, als im Caligari einer der Kumpel in Rati Onelis avanciertem Dokumentarfilm SONNENSTADT im georgischen Bergwerk seine Zeilen probte. Womöglich fiel es auch noch jemandem auf, dass ein Poster im Zimmer des liebesbedürftigen Helden aus ICH LIEBE, DU LIEBST eine Frau zeigte, die der Schauspielerin aus ICH, OLGA HEPNAROVÁ verblüffend ähnlich sah...
Sie lassen sich immer wieder finden, diese eigentümlichen, cineastischen Verwandtschaften. Es braucht nur Aufmerksamkeit und etwas Fantasie. Auf dem goEast bleiben noch zwei Tage für Entdeckungen, also schnell zurück ins Kino!