goEast 2022 Rückblick

goEast FESTIVAL IMPRESSIONEN 2022

Jährlich im April verwandelt goEast die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden in einen der international wichtigsten Schauplätze für das Kino aus Mittel- und Osteuropa. goEast hat sich als Projekt des DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum der Aufgabe verschrieben, „tief im Westen“ die Vielfalt und den Reichtum des mittel- und osteuropäischen Kinos stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Schaut euch die Highlights der 22. Festivaledition in unserer Video-Doku an.

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Video Dokumentation – Marisa Luna Santos (Mail)

FESTIVALBLOG: TAG 7 (25.04.)

Das sind die Gewinner von goEast 2022:

Goldene Lilie für den Besten Film
VERA TRÄUMT VOM MEER (VERA ANDRRON DETIN, Kosovo/ Albanien/ Nordmazedonien 2021, Regie: Kaltrina Krasniqi, Produzent: Shkumbin Istrefi)

Preis der Landeshauptstadt Wiesbaden für die Beste Regie
SANFT (SZELÍD, Ungarn/ Deutschland, 2022, Regie: László Csuja, Anna Nemes)

CEEOL-Preis für den Besten Dokumentarfilm
TAUBES GESTEIN (TERYKONY, Ukraine 2022, Regie: Taras Tomenko)

Lobende Erwähnung der Internationalen Jury
DER FALKE (STRAHINJA BANOVIĆ, Serbien/ Luxemburg/ Frankreich/ Bulgarien/ Litauen, 2021, Regie: Stefan Arsenijević)

FIPRESCI-Preis der Internationalen Filmkritik (Spielfilm)
PILGER (PILIGRIMAI, Litauen 2021, Regie: Laurynas Bareiša)

FIPRESCI-Preis der Internationalen Filmkritik (Dokumentarfilm)
TAUBES GESTEIN (TERYKONY, Ukraine 2022, Regie: Taras Tomenko)

Merck Preis für Innovation in XR
ARCTIC RECALL (Russland, Regie: Anna Tolkacheva)

Lobende Erwähnung XR
IF THESE STREETS COULD TALK (Ungarn, Regie: Barna Szász)

Renovabis Recherchestipendium
I DON’T WANT (Nordmazedonien, Regie: Hanis Bagashov)

CurrentTime TV Preis (USA)
I DON’T WANT (Nordmazedonien, Regie: Hanis Bagashov)

Pitch the Doc-Preis
ELENA IN DELEYNA (Bulgarien, Regie: Elena Stoycheva)

3sat-Preis (TV-Ankaufsangebot)
KLONDIKE (Ukraine/ Türkei, 2022, Regie: Maryna Er Gorbach)

Ich saß beim Filmgespräch zum Film VERA TRÄUMT VOM MEER mit der Regisseurin Kaltrina Krasniqi im Lauf der Festivalwoche. Das hatte sie zum Entstehungsprozess ihres Films zu sagen:

„Tradition und Gesetz gehen nicht Hand in Hand. Tradition muss jeden Tag auf’s Neue angestoßen werden, damit es zu einer Veränderung kommt. Veras Geschichte spielt im heutigen Kosovo, aus diesem Grund habe ich eine eingängige Recherche betrieben, um festzustellen, ob sich die Tradition des männlichen Erbes verändert hat in irgendeiner Form. Ich komme ursprünglich aus der Recherche, auch heute forsche ich noch nach mündlich überlieferter Geschichte. So habe ich für ein besseres Verständnis Frauen dieser Generation befragt, welches Verhältnis sie zu Eigentum und wirtschaftlicher Ungleichheit haben. Und tatsächlich habe ich herausgefunden, dass sich in den letzten 30 Jahren die soziale Tradition in dieser Hinsicht kein bisschen verändert hat. Für sieben Jahre habe ich dann praktisch mit diesem Charakter Vera zusammengelebt und nach Wegen gesucht, diesen Film zu drehen. Das Thema selbst war nicht gerade beliebt. Mir war von Beginn an klar: diesen Film zu realisieren wird sehr schwierig, aber ich wollte es unbedingt machen.

Der Film beginnt mit einem Selbstmord, wobei wir den Körper nie sehen, ich habe beschlossen, das hinter verschlossenen Türen anzudeuten. Es ist schließlich so, dass die meisten Beziehungen hinter verschlossenen Türen ablaufen und konservative Gesellschaften sich stark auf das öffentliche Auftreten verlassen. Selbst in den intimsten Beziehungen geschehen so viele Lügen und Täuschungen. Das gefiel mir auch an Veras Beziehung zu ihrem Mann, dass sich diese als sehr nahe und intime Beziehung präsentiert, aber auf Lügen und Täuschungen aufgebaut ist. Die Art und Weise, wie sich die Lügen und Täuschungen entwirren, ist wichtig, weil sie einen Rückschluss darauf gibt, wie eine Gesellschaft funktioniert; insbesondere wenn eine Gesellschaft seit Jahrzehnten extrem dramatische politische und soziale Wandel durchläuft. In dieser Gesellschaft fällt es Menschen sehr schwer, gesunde, wahrhaftige Beziehungen zu führen. Auf diese Art repräsentiert die verschlossene Badezimmertür so viele Dinge.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Frauen in Jugoslawien ermuntert, eine Ausbildung in vielen Bereichen, Abseits von künstlerischen Berufen, zu verfolgen. In den letzten 20 Jahren ergab sich ein weiteres wichtiges Ereignis durch die Anerkennung von Frauenaktivisten. Als Kosovo vom serbischen Staat unterdrückt wurde war es nur Frauen erlaubt, sich frei in und zwischen den Städten und Dörfern zu bewegen. So haben sie die Bewohner mit Nahrung, Arznei und Bildung versorgt. Diese Anerkennung ist in Kosovo nach dem Krieg weiter gewachsen, insbesondere durch Feminismus und Queer-Bewegungen derzeit, bei denen marginalisierte Geschichten an die Oberfläche kommen. Es ist keine Überraschung, dass VERA TRÄUMT VOM MEER in 2021 realisiert wurde.

Unsere Generationenkonflikte sind ganz unterschiedlich. Die Tochter im Film stammt aus einer Generation, die in der Lage ist, die Entscheidungen der vorherigen Generation zu hinterfragen, vor allem aus dem Unwohlsein heraus, mit ansehen zu müssen, wie deine Mutter tagein tagaus ihre Freiheit erkämpfen muss. Du beobachtest sie und versuchst, sie als Vorbild zu sehen, aber das macht es unangenehm; und über dieses Unwohlsein müssen wir sprechen. Dieses Unbehagen gibt es nicht nur unter Frauen, sondern in allen Gemeinschaften. Wir alle tragen so viel Schande unserer Vorfahren mit uns. Andererseits muss man auch die Errungenschaften der Vorgeneration würdigen können und dafür die Stärke aufbringen. Das bringt einen in eine Art Oppositionsrolle, in der man in der Lage ist, dem Scham und Unbehagen entgegenzublicken. Dieser Film handelt nicht nur von Frauen oder Generationen von Frauen, sondern weiter gefasst von den Gesprächen, die geführt werden müssen. Und sie müssen nicht nur in Kosovo geführt werden, sondern weltweit. Menschen, die wirtschaftlich gut gestellt sind, können sich neu erfinden und auch Menschen, die auf der anderen Seite stehen, müssen die Gelegenheit erhalten, sich neu zu erfinden.

Manchmal, wenn Länder Kriege oder starke Veränderungen durchmachen, festigt sich in Gesellschaften der Glaube an eine Hierarchie von Menschenrechten oder Themen, die behandelt werden müssen. Unterdrückte Gruppen haben diesen Raum schlichtergreifend nicht, um sich bemerkbar zu machen. Da sind zunächst Themen von Unabhängigkeit, von Krieg, von dem, was fehlt. Es ist die Zeit gekommen für all jene, die in den Schatten leben, hervorzutreten und ihre Geschichten zu erzählen. Und auch ich bin ein Produkt aus dieser Generation.“

Festivalblog: Tag 6 (24.04.)

Paweł Łoziński, der renommierte Dokumentarfilmmacher, Drehbuchautor und Produzent, hielt die diesjährige Masterclass im Rahmen des East-West Talent Lab. Sein Film, DER BALKONFILM (POL 2021), hat das Festival in diesem Jahr eröffnet und dient als Hintergrund für seine Ausführungen in dem spannenden Gespräch. Mit nur einer Kamera von seinem privaten Balkon in Warschau gefilmt, hat Łoziński in einem Zeitraum von zwei Jahren die persönlichen Geschichten von Spaziergänger:innen festgehalten. In der Masterclass sprach er über die Relevanz von Dokumentation und Transkription in der Dokumentarfilmregie (im Rahmen von DER BALKONFILM sind über 900 Seiten entstanden). Sie sind wichtig für den Rhythmus und die Dynamik des Filmens, helfen bei der Analyse und Organisation des Materials und sind essentiell für den Schnitt. Er sagt: „Konzentriere dich auf den Moment, sei nicht schüchtern, habe einen klaren Plan und vergiss nicht, dass das Simple oft auch das Schönste ist.“

Im Wettbewerb konnte ich mir VERA TRÄUMT VOM MEER inklusive eines kleinen Q&As mit der Regisseurin und der Hauptdarstellerin anschauen. Es brauchte sieben Jahre, um den Film zu finanzieren und zu produzieren. In dieser Zeit lernte die Regisseurin Kaltrina Krasniqi einiges über die sich wandelnde Situation für Frauen im Kosovo sowie über die Diskrepanzen zwischen Recht und Tradition. Erbe ist ein zentrales Thema, an dem sich soziale und ökonomische Ungleichheiten entladen und es ist wichtig, Aufmerksamkeit auf eine stimmlose Generation von Frauen zu lenken, die eine Brücke zwischen Tradition und Wandel bauen und dabei auf Scham und Heuchlerei stoßen. Teuta Ajdini, die Vera im Film spielt, kommt aus dem Theater. In ihrem Spiel nutzt sie subtile Nuancen und Bewegungen und kreiert damit eine Intimität mit der Rolle und ihrer Kämpfe. Sie sagt, die Macht der Frauen liege im Schaffen und das Ziel müsse es sein, damit seinen Willen Wirklichkeit werden zu lassen.

FESTIVALBLOG: TAG 5 (23.04)

Es ist, als wäre der Schalter umgelegt, nun wo das Wochenende begonnen hat. Der „Buzz“ um den Wettbewerb ist greifbar, dessen meisten Beiträge noch über das Wochenende vor Ort gesichtet werden können oder für Akkreditierte in der Online-Mediathek zur Verfügung stehen.

Nach zwei Jahren der digitalen Dystopie, ist es für die meisten Menschen in diesem Jahr wichtig, wieder vor Ort zusammenzukommen. Ein integraler Bestandteil des Festivals ist die Möglichkeit, Gleichgesinnte zu treffen, inspiriert zu werden und alte Freundinnen und Freunde wiederzusehen. Ganz abgesehen von der Erfahrung, die Filme im Kino sehen zu können, was eine bedeutende Dimension schafft, die auf den Bildschirmen zu Hause nicht möglich ist. Ich für meinen Teil freue mich extrem darüber, Kino wieder auf der großen Leinwand erleben zu können, was der gemeinsame Nenner aller Besucher:innen auf dem Festival zu sein scheint.

Heute Abend findet die dritte Runde der Filmgespräche statt. Aber auch die goEast Party.

Hmmmm, was macht man nur. Wohin soll ich gehen….

In der Zwischenzeit habe ich die Gelegenheit genutzt, Menschen zu treffen, die ich zum Teil seit Beginn der Pandemie nicht mehr gesehen habe oder aus anderen Gründen in den letzten Monaten nicht reisen konnten.

Im Anschluss an die Diskussionsrunde über 30 Jahre „postsoqjetisches“ Kino, war ich gespannt darauf, zumindest ein paar Filme auf der ausgiebigen, aber beileibe nicht erschöpfenden Liste sehen zu können. Ich habe es geschafft, TITO UNTER SERBEN ZUM ZWEITEN MAL (YUG 1994) am Freitag zu sehen, der fantastisch war. Heute mache ich mich auf den Weg zum Theater im Pariser Hof, um Porumboius rumänische Komödie 12:08 – JENSEITS VON BUKAREST von 2006 aus zu checken. Es ist eine Slapstick-Version Deutungshoheit der Geschichte im postkommunistischen Raum. Um die Uhr auf einem Platz steht die Frage: „Wo waren Sie am 22. Dezember 1989 um 12:08 Uhr?“ Wie ein Charakter betont, „revolutionäre Prahlerei ist Scheißgeschwätz“. Und so beginnt der Spaß. Die Genialität des Films liegt in den Ebenen dieser ganz simplen Frage, die unsere menschlichen Eigenschaften und Zerbrechlichkeit enthüllt, die Behauptungen von drei Charakteren und ihre persönlichen Widersprüche aufdeckt. Es wirft auch ein Licht auf Geschichte, die demjenigen gehört, der die Kontrolle über deren Erzählung hat, und gleichzeitig erinnert es irgendwie an eine Zeit, als man bei einem Familientreffen zusammensaß, auf dem sich die Heiterkeit entfaltete, während Familienmitglieder auf ihrer Version der Ereignisse beharrten.

An dem Panel „RUSSISCHES KINO BOYKOTTIEREN: EINE UKRAINISCHE PERSPEKTIVE“ nahmen Volodymyr Sheiko, Daria Badior, Hanna Hrytsenko, Natalia Libet, Viktoria Leshchenko, Alina Gorlova, Maksym Nakonechnyi und Maryna Er Gorbach teil.

Ausgehend vom Boykottaufruf des Ukrainischen Filminstituts von russischen Filmen forderte das Panel ein Aussetzen der Programmplanung russischen Kinos als Beginn eines Prozess der De-Kolonialisierung in einem postsowjetischen Kontext. Es erkannte die Notwendigkeit an, sowjetische Filmgeschichte neu zu würdigen. Die Teilnehmenden erinnerten daran, dass es in traumatischen Zeiten wichtig ist, so verständnisvoll und nachsichtig wie möglich miteinander umzugehen.

Gerade genug Zeit, um einen weiteren Film aus dem Wettbewerb zu sehen. SANFT (UNG, DEU 2022) läuft am Abend in der Caligari FilmBühne. Der Film ist ein berührendes Porträt von Stärke und Verletzlichkeit, das einem sehr vertraut vorkommt, mit einer Protagonistin, die sich vielschichtig enthüllt, während der Film uns geradewegs mitnimmt auf den Weg zum ultimativen Ziel, als Miss Olympia zu triumphieren.

 

Nun ist es Zeit, sich zu sammeln und versuchen, nicht mein Körpergewicht in Wein auf der goEast Party zu trinken. Samstagnacht, so scheint es auf dem Weg durch Wiesbaden, scheint die Zeit zu sein, um auszugehen. Mir ist es nicht gestattet Details vom Partygeschehen zu erzählen – auf Anweisung der Hohepriesterin – so belasse ich es hierbei.

FESTIVALBLOG: TAG 4 (22.04)

Es ist Freitag und damit der erste Tag des Vortragsprogramm im Symposium. Die Gespräche und Vorträge in diesem Jahr erkunden Godards Verhältnis mit den Filmen, der Kultur und der Geschichte Osteuropas. Das Programm bietet die Möglichkeit, Vorträge von führenden Wissenschaftler:innen aus der ganzen Welt zu besuchen und gleichzeitig die wichtigsten Filme zu diesem Thema zu sehen.

Obwohl ich ein problematisches Verhältnis zu Godard pflegte, besuchte ich ein paar der Vorträge: zur Distanzmontage bei Godard und Pelechyan, zu Eisensteins Theoriearbeit und zum sozio-historischen Kontext der 68er in Prais und Prague. Der Film PRAWDA (FRA 1969) erwies sich als ideologischer Sturm und als exzellente Verbildlichung dessen, was in den Vorträgen besprochen wurde. Der Abstecher war es wirklich wert.

Das Symposium läuft noch das ganze Wochenende. Wenn ihr eh am Ostkiosk seid, nutzt die Gelegenheit, um mal reinzuschnuppern.

Die Teilnehmer:innen des East-West Talent Lab haben seit Dienstag ein straffes Programm durchgezogen. Drei Tage bleibt ihnen noch, bevor der Project Market Pitch ruft. Heute gönnten sie sich aber eine kleine Pause in der Sonne, bei kalten Getränken und einem heißen Grill – meisterhaft betrieben von unserem Grillmeister Uncle Ed.

Empfehlung von Festivalbesuchern für den Tag!

An der BBQ-Grillstation trafen wir Bella, obwohl sie von dem Essen und den Gerüchen abgelenkt war, gab sie uns ihre Empfehlung des Tages und sagte, es erinnere sie an vergangene Leben und noch immer an mehr Würstchen

JANUAR (BUL, LUX, PRT 2021): Ein surrealer Thriller, der in einem existenziellen und sich verändernden Schneesturm spielt. Mit Anleihen von Kubricks SHINING, wenn beispielsweise der Protagonist seinen Weg durch die blanke Landschaft sucht, Hummer in Hotelzimmern tanzen und Wölfe und Fremde sich in verwirrenden Wäldern rumtreiben, aus denen es keine Wiederkehr gibt.

Online verfügbar über das Eventival-Portal

Wie ihr wisst, haben die YUGORETTEN im Keller des Museums eine magische Höhle, eine anarchistische Disko und einen sicheren Ort für jene eingerichtet, die auf Tee und Blaklava vorbeischauen. Nach der heutigen Diskussion über #metoo auf dem Balkan, erdachten sie sich spontan eine Performance, die im Anschluss bei Sonnenuntergang vor dem Museum aufgeführt wurde.

Inspiriert von der Möglichkeit politische Sichtbarkeit über Social Media zu erzeugen, machte die Performance auf die stark wachsende Anzahl von Femiziden weltweit aufmerksam – von Belgrad bis Bolivien – und lenkte Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass Frauen auf der ganzen Welt noch immer in Angst leben müssen – in ihren Häusern, in den Straßen oder den Systemen.
Mit traditionellen Tänzen und angelehnt an die „A Rapist in Your Path“-Proteste, riefen die YUGORETTEN damit alle Frauen dazu auf, sich zusammenzufinden. Wir brauchen keine Blumen, wir brauchen Gerechtigkeit!
You are the rapist!
#nisamtrajila

FESTIVALBLOG: TAG 3 (21.04)

Die diesjährige Hommage geht an Lana Gogoberidze, Filmemacherin, Drehbuchautorin, Übersetzerin, Aktivistin und, wie wir aus ihrem neuesten Werk (THE GOLDEN THREAD, das nächste Woche beim DFF in Frankfurt gezeigt wird) erfahren haben: eine leidenschaftliche Sportliebhaberin. Seit ich vor vielen Jahren von ihrer Arbeit gehört habe, war es (gelinde gesagt) nicht einfach, ihre Filme in den Ländern, in denen ich gelebt habe, auf der Leinwand zu sehen. Sie tauchen normalerweise mit besonderer Erwähnung auf Filmfestivals auf, wo die Regisseurin vielleicht für einen Preis nominiert ist. In meinem Fall hörte ich vor vielen Jahren durch eine geliebte Tutorin von ihr, die den Film SOME INTERVIEWS ON PERSONAL MATTERS als einen entscheidenden Film in ihrem Leben ansieht. Seitdem ist Gogoberidze für mich zu einer fast mystischen Figur geworden, und die Gelegenheit, ihr Werk (das Programm besteht aus 10 ihrer Filme, von denen 6 für das Festival neu restauriert und digitalisiert wurden) dieses Jahr in Wiesbaden zu sehen, ist etwas ganz Besonderes.

Die Filme der Retrospektive laufen noch bis Sonntag hier in Wiesbaden und wandern dann in der darauffolgenden Woche zum DFF in Frankfurt.

30 JAHRE „POSTSOWJETISCHES“ KINO? Eine Podiumsdiskussion mit Matthijs Wouter Knol, Dina Iordinova, Tristan Priimägi und moderiert von Heleen Gerritsen.

Inmitten unterschiedlicher Standpunkte zum Erstellen von Listen im Allgemeinen kamen die Mitglieder des Gremiums zusammen, um eine Auswahl von 30 bedeutenden Werken des sogenannten „postsowjetischen“ Kinos zusammenzustellen. Viele dieser Werke befinden sich in geschlossenen Archiven, sind derzeit nicht zugänglich. Oder sie sind in einem schlechten Zustand, da, wie es ein Panelmitglied ausdrückte, in den 90er Jahren mehr der Werbespot im Vordergrund stand als die Bewahrung der Vergangenheit. Die Situation ist so kompliziert, dass goEast bereits 2020 ein ganzes Symposium den Fragen der Filmerhaltung in Zeiten des Umbruchs in Mittel- und Osteuropa gewidmet hat.

Dennoch wurde eine ideologische Liste von 30 Filmen erstellt, die keineswegs erschöpfend und keineswegs abschließend ist. Bei dieser Podiumsdiskussion ging es darum, eine Basislinie zu schaffen, eine laufende Arbeit, eine Grundlage, auf der aufgebaut werden kann.

Das hat natürlich eine Kiste voller Würmer geöffnet, die unsere temperamentvolle Expertenrunde mit Begeisterung angepackt hat!

Die Bedeutung von „postsowjetisch“ und „postkolonial“ . Die Rolle der hybriden dokumentarischen Form im osteuropäischen Filmschaffen. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass der Begriff „postsowjetisch“ zwar für einige eine lebensbestimmende Bedeutung hat, für neue Generationen jedoch außerhalb ihrer Erfahrung liegt. Die gesamte Diskussion wurde gefilmt und wird nach der Festivalwoche auf dem vimeo-Kanal von goEast verfügbar sein.

Von den 30 bisher zitierten bedeutenden Filmwerken werden 6 seltene Schönheiten beim diesjährigen Festival gezeigt.

Treffen Sie TITO UNTER DEN SERBEN ZUM ZWEITEN MAL (YUG, 1994) am Freitag, 24. April um 16:30 Uhr in der Murnau

Alternativ spielt 12:08 EAST OF BUCHAREST (ROU, 2006) am Samstag, 23. April um 18 Uhr im Theater im Pariser Hof.

Einen Link zur vollständigen Liste finden Sie hier: https://www.europeanfilmacademy.org/30-years-of-post-soviet-cinema/

Der Geheimtipp des Tages war der Wettbewerbsfilm KLONDIKE (Ukraine/Türkei, 2022), der im Caligari (und am Freitag erneut im Murnau) gezeigt wird. Maryna Er Gorbachs Solo-Regiedebüt wurde im Januar dieses Jahres in Sundance uraufgeführt und wird nun inmitten des unerbittlichen Krieges gezeigt, der am 24. Februar begann. Dieser Film, den sie allen Frauen gewidmet hat, zeigt uns eine sehr persönliche Perspektive auf den Krieg in der Ukraine, der 2014 in einem Dorf an der ukrainisch-russischen Grenze stattfindet. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die versucht, mit den außergewöhnlichen Umständen zurechtzukommen sowie das menschliche Bedürfnis, in einem sich entfaltenden Albtraum aus Ungewissheit und Gewalt in der vertrauten Umgebung zu bleiben und sich an die Vorstellung von Heimat zu klammern. Die Verwendung der sehr persönlichen Familiengeschichte inmitten der sich langsam ausladenden Landschaften, der Einsatz von Stille und die brutalen Übergriffe der Außenwelt unterstreichen das Gefühl der Sinnlosigkeit und Brutalität des Krieges. Die Bilder bleiben im Gedächtnis unter den allzu vertrauten Gegenständen beständig, einem Kinderwagen, einem Teppichklopfer.

Bei der Vorführung heute Abend ging der Film natürlich vielen Zuschauern sehr nahe. Die anschließende Diskussion drehte sich vor allem um eine Frage: Bleibt man in solchen Situationen in seiner Heimat oder muss man befürchten, alles, was man kennt und wofür man gearbeitet hat, für eine Zukunft in der Fremde aufzugeben? Eine Frage, die unter anderem auch die Unterschiede zwischen den Generationen und die digitale Diaspora beleuchtet.

KLONDIKE wird am Freitag, den 22. April, um 18:00 Uhr in Murnau erneut gezeigt.

Der OST KIOSK bereitete sich heute auf das Wochenende vor, unsere Soundanlage ist ans Stromnetz angeschlossen, das Eis ist bestellt und der Wodka in der Tiefkühltruhe. Das diesjährige vollständige Menü, einschließlich köstlicher Kaffeelikör-Shots, finden Sie im KIOSK. Fragen Sie Ihren freundlichen Kiosk-Vertreter nach weiteren Informationen!!!

Gute Reise!

Festivalblog: Tag 2 (20.04)

Wenn es jemals einen Tag gegeben hat, der sinnbildlich für den Wiesbadener Frühling steht, dann ist es heute: der zweite Tag des Festivals. Die Filmauswahl ist dabei genauso so beeindruckend – mehr als 90 Filme laufen in den nächsten fünf Tagen, Workshops, Gespräche und Baklava-Therapie im Keller des Museums. Wenn du in Wiesbaden oder Umgebung lebst, findest du hier einen surrealen Grund um den Rest der Woche freizunehmen. Festivalgänger:innen von außerhalb finden hier nicht nur eine starke Auswahl an Filmen, sondern auch eine unglaubliches Potpourrie von Möglichkeiten: das Zusammenkommen von Talenten, der Austausch von Ideen und die Chance gleichgesinnte Menschen zu treffen.

Auch das East-West Talent Lab geht heute in seinen zweiten Tag. Die Initiative unterstützt knapp dreißig Filmschaffende und Talente aus Mittel- und Osteuropa bei der Entwicklung ihrer Ideen, Konzepte und Pitches für zukünftigen Förderung und Ko-Produktion. In den nächsten Tag wird ein Team aus Expert:innen daran arbeiten, den Teilnehmer:innen im Bezug auf Networking, Pitching und Ko-Produktion zu helfen.

Betrieb herrscht auch an unserem Lieblingsort zum Abhängen: dem Ostkiosk. Nach seiner Anlieferung in 2021 kann das schöne Stück in diesem Jahr endlich seine Funktion erfüllen und einen magischen und nostalgischen Platz bereitstellen, an dem man mit anderen Menschen zusammenkommen kann, die Welt vorbeiziehen lässt und – bei einem kalten Getränk – die Sonne zwischen den Filmvorführungen und Veranstaltungen genießen kann.

Im Gespräch mit den Besucher:innen hat sich der Film 5 TRÄUMER UND EIN PFERD (2022) als Highlight herausgestellt. Hier wird eine Geschichte über das Verhältnis von Traum und Realität erzählt. Der Film lief heute in der Caligari FilmBühne und wird am Samstag, dem 23.04. Um 14 Uhr nochmal im Murnau gezeigt. Falls ihr den Film verpasst habt, solltet ihr euch das nicht entgehen lassen.

DAS WEINEN DER FRAUEN (2021) wird von vielen Festivalbesucher:innen als ehrliche und herzerreißende Entdeckungstour von Themen, die uns alle was angehen, beschrieben. Erzählt durch den Mikrokosmos einer Familie, erkundet der Film das Leben von Frauen im heutigen Bulgarien. Die Französisch-Bulgarische Produktion lief heute im Caligari.

Eine besondere Erwähnung verdienen die Yugoretten und ihr Balkanfrauennetzwerk! Die offizielle Eröffnung im Museum Wiesbaden hatte eine anregende Diskussionen und lebhafte Publikumsbeteiligung zu bieten. Das tägliche Kaffee- und Teeritual der Yoguretten wird an jedem Festivaltag im Raum der Teppiche angeboten. Schaut vorbei, atmet tief ein und entspannt euch zwischen 15 und 18/20 Uhr oder nehmt an den Workshops und Diskussionen teil, die hier im Laufe der Woche stattfinden.

Wenn ihr neu beim Festival seid, dann denkt daran, euch für den Newsletter anzumelden, der euch jeden Tag durch das Programm navigiert.

Festivalblog: Tag 1 (19.04.)

Was ein Tag! Und was ein Abend! Nach monatelanger turbulenter Festivalvorbereitung wurde gestern um 19:00 Uhr offiziell die 22. goEast Festivaledition eröffnet. Und nein, nicht digital, sondern vor Ort in einem der schönsten Kinos Deutschlands – der Caligari FilmBühne. Nach zweijähriger digitaler „Pause“ freuten wir uns umso mehr, zahlreiche filmbegeisterte Freundinnen und Freunde, Filmschaffenden, Förderer, Partner sowie Konsulat- und Pressevertreter:innen ganz nach Tradition zur Eröffnungszeremonie begrüßen zu dürfen – mit einem “Białalaika”-shot.

Nach Heleen Gerritsens bewegender Eröffnungsrede gedachten alle Gäste den Kriegsopern in der Ukraine. Trotz unbeschreiblicher Zeiten hat goEast es sich in diesem Jahr erneut zur Aufgabe gemacht, allen Besucherinnen und Besuchern einen echten kulturellen Dialog und Austausch zu ermöglichen. Ehrengast Lana Gogoberidze und die beiden Wettbewerbsjuries waren auch angereist. Nach der Programmvorstellung wurden alle Gäste im Museum Wiesbaden empfangen. In den Räumlichkeiten unseres neuen Festivalzentrums war für Getränke und Verpflegung gesorgt. Der Ostkiosk wurde vor dem Museum eingeweiht und stand bis in die Nacht für Getränke nach Belieben zur Verfügung. Inspiriert von goEast-Haus-DJ Janeck entstand vor dem Ostkiosk sogar eine kleine, spontane Tanzfläche. Rundum ein unvergesslicher, ereignisreicher Abend voller Begegnungen.