Kritikenblog: Stella Christine Dunze zu CHUPACABRA

Ein Hund, der Junge und das Boot

von Stella Christine Dunze

Die Einsamkeit des Jungen Andrey im Film CHUPACABRA sticht ins Herz. Dies gelingt durch die besondere Ästhetik und Bildsprache, die sich in der kargen Küstenlandschaft am äußers-ten Rande Russlands, der Weite des Meeres und den verwahrlosten Häusern widerspiegelt.

Andrey soll ins Internat in die Stadt ziehen. So will es seine überforderte Mutter, mit der er alleine wohnt. Ihre Lieblosigkeit gegenüber Andrey wirkt tief und Andreys Gefühlsleben geht unter die Haut. Sein Vater ist Trinker und will nichts von ihm wissen.

Der Film ähnelt in seiner Ästhetik einem Roadmovie, in dem der Protagonist in seiner Perspektivlosigkeit den Weg nach draußen sucht, und die subjektive Wahrnehmung Andreys sich in die Zuschauer: innen einverleibt.
Doch hier zieht es Andrey in eine Richtung, die eigentlich nach Hause will. Mit seinem Freund und einer hübschen Nachbarstochter treibt er sich durch die Landschaft und Dörfer der Provinz und diese Begegnungen zeigen sich in außergewöhnlich poetischen Bildern, die immer wieder die Motive des Verlorenseins und Einsamkeit zeichnen.

Mit Flaschensammeln verdient Andrey sich bei einem Nachbarn, genannt „Affe", sein Geld für eine Busfahrt in die Stadt, um sein vermeintliches Internat aufzusuchen. Das Tragische ist, dass die Liebe der Mutter sich hinter Andreys Rücken abspielt, nicht fähig, sich zu äußern. Sie möchte sich einmal in der Küche am liebsten an ihn heranschmiegen. Auch ihr Leben scheint von Enttäuschungen gezeichnet.

So spielt die Figur des Hundes, Titel des Films, dem Andrey verfällt, die entscheidende Rolle, um seine Seele zu retten und seine Einsamkeit zu nehmen. Ein herumstreunender Hund, der bereits durch die Medien geht; ein angeblich blutsaugendes Monster. Dieser einsame Hund wird zu mythischen Figur, die vom Teufel beseelt ist. Doch Andrey sieht in ihm einen imaginären Freund. Und so ist es nicht verwunderlich, dass er sich mit ihm identifiziert, nachdem er ihn tot am Strand auffindet.

Bei Chupacabra, wie sich der geheimnisvolle Hund nennt, kann Andrey seine aufgestaute Liebe und Verzweiflung herauslassen, er vergöttert ihn und glaubt an seine Heiligkeit. Sein Grab wird zum Fluchtpunkt.

Die Spannung dieses Dramas entsteht durch die Ziellosigkeit der Figuren, die dennoch auf etwas zusteuern, das entweder Heil oder Unheil ist.

Es ist die Sehnsucht zur Mutter, die Andrey in die Flucht und zurück zu einem in Flammen stehendes Zuhause treibt. Ein Feuer, dass wie ihre aufgestauten Gefühle ausbrechen musste. Ihre Liebe war zum ersten Mal spürbar, bevor Andrey ein letztes Mal aus dem Haus rannte. Er fragte sie, ob sie ihn wirklich ins Internat schicken wolle. Ihr Schweigen wirkte wie eine Verneinung. Beim Anblick der Flammen gerät die Verzweiflung des Jungen ins Unerträgliche.

Diese gefühlsbeladene Bildsprache, wenn Andrey in der Mitte des Films wie ein Erwachsener verloren am Meer steht oder in seinem Boot sitzt, dringt ein und zeichnet den Film aus.

Das rätselhafte Verschwinden der Mutter und die finale Szene mit Andrey in einem Ruder-boot und einem sinnbildlich auferstandenen Hund, wirken wie eine biblische Erlösung aus einem zerreißenden Trauma. Wie surreal erscheint ihm das leise Rufen seiner Mutter.

Der Hund, der Junge und das Boot bleiben lange in Erinnerung.