blogEast

blogEast ist ein Projekt von goEast – Festival des Mittel- und Osteuropäischen Films. Der Blog entstand während der ersten Corona-Welle in Europa als solidarisches Sprachrohr für Film-(kultur)schaffende aus allen Himmelsrichtungen. In den kommenden Wochen werden hier Blogbeiträge veröffentlicht, welche sowohl filmische als auch politische und soziale Facetten der heutigen Situation beleuchten, aber auch eine Möglichkeit der Ablenkung von der allgegenwärtigen Diskussion um Infektionszahlen und Impffortschritte bieten. blogEast wird durch das goEast Team betreut und begleitet das digitale Festival in Wiesbaden.

Der goEast Stammgästetisch

goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films lebt nicht nur von seinen Filmen, Zuschauer:innen und Nachwuchstalenten sondern auch von den zahlreichen Gästen aus der Filmbranche, die Jahr für Jahr nach Wiesbaden reisen. Einige von ihnen haben das Festival inzwischen so oft besucht, dass sie gut und gerne am goEast Stammtisch Platz nehmen können. Da die nächste Eckkneipe allerdings geschlossen hat, stellen wir unsere Stammgäste hier nun in virtueller Runde vor.

Adilkhan Yerzhanov

Adilkhan Yerzhanov ist einer der interessantesten und zugleich produktivsten Filmemacher Kasachstans und mausert sich zum wahren Stammgast von goEast. Sein Langfilmdebüt, CONSTRUCTORS, feierte 2013 in Wiesbaden seine Weltpremiere - mittlerweile bevorzugt er für Erstaufführungen Festivals wie Cannes, Venedig oder San Sebastian. Bei den letzten drei Festivalausgaben stets im goEast-Wettbewerb vertreten, ist er in diesem Jahr auch gleich mit drei Filmen dabei: Als Eröffnungsfilm GELBE KATZE (ZHELTAYA KOSHKA, 2020), einer wunderbaren Hommage ans Kino und die Macht der Bilder, was derzeit wichtiger denn je erscheint, im Wettbewerb mit dem emanzipatorischen Drama ULBOLSIN (ULBOLSYN, 2020) und im Symposium mit dem frühen experimentellen Kurzfilm BAKHYTZHAMAL (2007). In diesem Jahr gibt es also eine geballte Ladung an Yerzhanov-Filmen. Vermutlich ist es auch bald an der Zeit im die Sektion Porträt zu widmen, um sein umfangreiches Werk in einer Gesamtschau zugänglich zu machen.

Laila Pakalniņa

Die lettische Filmemacherin Laila Pakalniņa ist von Anfang an eine treue Anhängerin von goEast. 2017 kam es zum Höhepunkt dieser freundschaftlichen und produktiven Zusammenarbeit als sie den Vorsitz unserer internationalen Jury übernahm und die serbische Tragikomödie REQUIEM FÜR FRAU J. (REKVIJEM ZA GOSPOĐU J, 2017) mit dem Hauptpreis der Goldenen Lilie auszeichnete. Aber natürlich ist sie auch immer wieder mit ihren eigenen Filmen bei goEast vertreten: ob im Symposium oder im Wettbewerb, egal ob Kurz- oder Langfilm, verzaubern ihre Filme immer wieder das Wiesbadener Publikum mit ihrem teilweise experimentellen und magischen Spiel mit der Filmform. In diesem Jahr gibt es IM SPIEGEL (SPOGULĪ, 2020) zu sehen: Einer wunderschönen, innovativen Aktualisierung des Schneewittchen-Märchens. Äußert sehenswert!

Péter Lichter

In diesem Jahr erwartet das goEast-Publikum eine Masterclass der anderen Art. Nachdem in den letzten Jahren Sergei Loznitsa, Ildiko Enyedi und Václav Marhoul Einblicke in ihr Schaffen gaben, ist es nun an der Zeit, sich mit dem Ungarn Péter Lichter dem Experimentalfilm zu widmen. Mit seinen filmischen Experimenten war er immer wieder zu Gast bei goEast; gerade erst im letzten Jahr mit seiner Erkundung des Horror-Genres THE PHILOSOPHY OF HORROR (PART I-III) (A HORROR FILOZÓFIÁJA (PART I-III), 2019). Neben der Masterclass wird in diesem Jahr seine filmische Umsetzung des hungarofuturistischen Gedichts Barokk Femina von Márió Z. Nemes zu sehen sein. Ein faszinierendes und wortwörtlich vielschichtiges Werk.

Šarūnas Bartas

Šarūnas Bartas ist eine der wichtigsten, zeitgenössischen Stimmen des litauischen Kinos. Bereits 2006 hat goEast Bartas die Sektion Porträt gewidmet – eine Sektion, die 2005 erstmalig eingeführt wurde – und zeigt damit die Verbundenheit des Festivals zu Bartas und dessen Stellenwert im mittel- und osteuropäischen Kino. 15 Jahre später sind wir stolz darauf im diesjährigen Wettbewerb die Deutschlandpremiere seines neusten Films IN DER DÄMMERUNG (SUTEMOSE, 2020) zu präsentieren. Ausgezeichnet mit dem Cannes-Label 2020 begibt sich Bartas mit seinem Film in die litauische Geschichte und überwältigt mit einer einzigartigen Bildsprache.

Renata Litvinova

Geliebt und gehasst – ein Dazwischen gibt es nicht für die Liebhaber und Kritiker von Renata Litvionoa. Im gegenwärtigen Russland zählt sie ohne Zweifel zu einer der exzentrischsten Persönlichkeiten der Nation. Als Regisseurin und Schauspielerin erfindet sie sich seit über 30 Jahren neu und artikuliert in ihrem künstlerischen Werk kompromisslos eine eigene Definition von (russischer) Weiblichkeit: Eine Weiblichkeit, die deutlich über popfeministische Diskurse hinausgeht, zu Irritationen führt, dabei aber stehts spielerisch und ironisch bleibt. Ihre Beziehung zu der offen lesbisch lebenden Rocksängerin Zemfira – immer wieder auch Mitstreiterin bei Renatas Filmen – ist stets Thema in der russischen Boulevardpresse. DER NORDWIND (Russland, 2021 – präsentiert in der goEast Sektion BIOSKOP) basiert auf ihrem Theaterstück, mit dem Renata 2017 in einem Moskauer Theater ihr Bühnendebüt gab – und wieder einmal sie selbst in der Hauptrolle. Auch wenn sie nie selbst in Wiesbaden zu Gast war (vermutlich würde unser Champagner-Vorrat und der fehlende Glanz und Glamour nicht ganz ihrem Standard entsprechen), wurden viele ihrer Filme bei goEast präsentiert. Vor allem ihre Zusammenarbeit mit Kira Muratova als Drehbuchautorin, Schauspielerin und Muse wurden bei goEast immer wieder gewürdigt. Auch ihr Langfilmdebüt DIE GÖTTIN (2004) war in Wiesbaden zu sehen.

Renato Serrano Borrayo & Vlad Ketkovich

Immernoch zieht die Moskauer Filmakademie VGIK als älteste Filmschule überhaupt Studierende aus der ganzen Welt an. Viele davon verlassen Moskau und Russland nach dem Studium, doch ganz anders der gebürtige Guatemalteke RENATO SERRANO BORRAYO, der sein Studium abschloss, eine Russin heiratetet und in Moskau blieb. In seinem Kurzdokumentarfilm FILM FOR CARLOS – der auf vielen Festivals vertreten war, u.a. auch bei goEast 2018 – verarbeitet er seine Erfahrungen in einer bikulturellen Ehe – rassistische Schwiegereltern und deren Reaktion auf die Geburt des Enkels Carlos inbegriffen. VLAD KETKOVICH ist einer von Russlands erfahrensten unabhängigen Dokumentarfilmproduzenten und scheut sich weder vor politischen Themen noch vor harten Drehbedingungen. Mit seiner Produktionsfirma Ethnofund hat er sich auf aktivistische Dokumentarfilme spezialisiert und eine Vorliebe für Regionen im russischen Norden entwickelt. Daneben produziert er viele Debütfilme und unzählige seiner Projekte haben ihren Ausgang beim East-West Talent Lab bei goEast genommen. Wir freuen uns sehr, das neuste Werk unserer goEast-Stammgäste im Wettbewerb zu präsentieren: DAS LEBEN DER IVANNA über eine alleinerziehende Mutter im Norden der Jamal-Halbinsel war ein hartes Stück arbeitet. Aber es hat sich gelohnt, nicht nur bei goEast wird der Film laufen, sondern auch bei CPH:Dox und Hot Docs.

Jasmila Žbanić

2006 sorgte Jasmila Žbanić mit ihrem Spielfilmdebüt ESMAS GEHEIMNIS – GRBAVICA in der internationalen Filmszene für Aufruhr. Nicht nur gewann sie den Goldenen Bären, sondern im gleichen Jahr wurde von den bosnischen Behörden ein Gesetz verabschiedet, das den noch lebenden Vergewaltigungsopfern der Kriegszeit den Stauts von zivilen Opfern zuerkannte und so eine Entschädigungszahlung ermöglichte. Die Rolle der Frauen im Bosnienkrieg ist der zentrale Gegenstand in Žbanićs Werk – auch in ihren dokumentarischen Arbeiten. Sie lebt in Sarajevo und hat dort das lokale Künstlerkollektiv DEBLOKADA gegründet. Sowohl ESMAS GEHEIMNIS – GRBAVICA als auch eine Auswahl ihrer Dokumentarfilme wurden über die Jahre hinweg bei goEast präsentiert. Ihr neuster Film QUO VADIS, AIDA? (2020) ist für den Oscar nominiert und bei goEast 2021 online zu sehen. Der Film setzt sich mit einer der schlimmsten Gräueltaten des Bosnienkrieges auseinander: Dem Massaker von Srebrenica.

Vitaly Mansky

Kein goEast ohne einen Dokumentarfilm von Vitaly Mansky. Auch nachdem der russische Filmemacher nach Riga ins Exil ist, bleibt er produktiv. FAMILIENBANDE (2017), PUTINS ZEUGEN (2018) und in diesem Jahr GORBATSCHOW. PARADIES (2020) sind nur einige Titel, die Teil unseres Programms waren. Mansky ist dabei nicht nur Filmemacher, sondern auch Festivaldirektor des ArtDocFest. Ursprünglich in Moskau initiiert, widmet sich das unabhängige Festival dem russischsprachigen Dokumentarfilm aus der gesamten ehemaligen Sowjetunion. Nach einer Auseinandersetzung mit dem russischen Kulturminister Medinsky wurden dem Festival stattliche Mittel gestrichen und Mansky verlegte das Festival nach Riga. Jedoch organisiert er weiterhin Vorführungen in Moskau und Sankt Peterburg, die meistens ausverkauft sind. Daneben kuratiert er eine Dokumentarfilmschiene bei dem russischsprachigen TV-Sender Current Time TV und war Mitglied der goEast Jury 2011.


Alle Informationen zum Festival und häufig gestellte Fragen lassen sich in unserem FAQ nachlesen.