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blogEast ist ein Projekt von goEast – Festival des Mittel- und Osteuropäischen Films. Der Blog entstand während der ersten Corona-Welle in Europa als solidarisches Sprachrohr für Film-(kultur)schaffende aus allen Himmelsrichtungen. In den kommenden Wochen werden hier Blogbeiträge veröffentlicht, welche sowohl filmische als auch politische und soziale Facetten der heutigen Situation beleuchten, aber auch eine Möglichkeit der Ablenkung von der allgegenwärtigen Diskussion um Infektionszahlen und Impffortschritte bieten. blogEast wird durch das goEast Team betreut und begleitet das digitale Festival in Wiesbaden.

Albanien, Kino aus der Isolation heraus

Von allen Ländern Osteuropas war kein anderes so mysteriös wie Albanien während des Kalten Kriegs. Bis zum Fall der Berliner Mauer 1989, war die kommunistische Diktatur so isoliert wie heute nur Nordkorea. Enver Hoxha, Albaniens Herrscher, verbot nicht nur die organisierte Ausübung von Religion und dem Reisen, sondern auch die Vergabe von muslimischen oder christlichen Namen an Neugeborenen. Einen ausländischen Film im Fernsehen anzuschauen, konnte zu einer langjährigen Haftstrafe wegen der möglichen ‚Einflussnahme ausländischer Mächte und Propaganda' führen. Werner Herzog war so fasziniert von Albaniens Selbstisolation, dass er in den 1970ern die gesamte befestigte Außengrenze des Landes ablief.

Fast 30 Jahre nachdem die politische Ordnung des Landes zusammengebrach, ist immer noch sehr wenig über das Kino Albaniens bekannt. Während der 45-jährigen kommunistischen Herrschaft, haben Filmschaffende im mit Hilfe der Sowjetunion erbauten Kinostudio 'Shqiperia e Re' (Neues Albanien) 232 Spielfilme, Tausende Dokumentarfilme und Wochenschauen, sowie mehrere Hundert Animationsfilme produziert.

Obwohl viele dieser Filme voller Propaganda sind, handelt es sich bei einigen um wichtige Beiträge zum Kanon des Weltkinos. Sie geben umfangreiche Einblicke in eine Gesellschaft, die den meisten ausländischen Besucher:innen und Tourist:innen lange verschlossen geblieben war.

Während das albanische Publikum diese Filme bis heute unentwegt im öffentlichen Fernsehen oder auf YouTube ansieht, wurden sie außerhalb Albaniens nie in einem kommerziellen Rahmen präsentiert. Für diejenigen, die in Albanien aufgewachsen sind stellen Sie aber ein kompliziertes und oft auch emotionales, kulturelles Erbe dar, ein kulturelles Erbe, das im Inbegriff ist, für immer verloren zu gehen.

Bei goEast präsentieren wir die Weltpremiere der digitalen Restauration von JAHRE DES WARTENS noch vor ihrer ersten Aufführung in Albanien. Das 1990 erstmals sozialistische Epos, verbindet Elemente des historischen Films und der Soap-Opera mit aufwühlender Gesellschaftskritik. Regisseur Esat Musiliu folgt dabei zwei Emigranten, die aus den USA in ihre albanische Heimat zurückkehren und deren Schicksale eng miteinander verbunden sind. Als Gon Kodra, einer der beiden Männer wieder in seinem Dorf ankommt ist er bereits verbittert und von Albanien entfremdet. „Vielleicht lässt das Leben in der Fremde, sie ihren Lebensmut verlieren", bemerkt einer der Charaktere des Films. Als die Produktion des Films 1989 begann, stand der Kommunismus in den meisten Ländern Osteuropas kurz vor seinem Zusammenbruch. Das albanische Regime jedoch hielt an der Vorstellung fest, dass das eigene, besonders harte sozialistische System nicht untergehen würde. JAHRE DES WARTENS sollte dem albanischen Publikum eine Warnung sein, indem es ihm vor Augen führte, dass das Leben umringt von Stacheldraht, der Flucht in die weite Welt vorzuziehen sei.

Die schwierigen Bedingungen, unter denen der Film hergestellt wurde sind kaum vorstellbar. 1990 standen Albanier:innen in langen Schlangen für Essen an, es gab kaum Elektrizität. Offensichtlich wanderte die Expertise aller Kostüm- und Szenenbildner:innen des Kinostudios in die Produktion von Musiliu's Film, trotz aller Probleme bei seiner Entstehung. Ironischerweise begannen bereits einen Monat vor der Premiere des Films, Tausende Albaner:innen in die Botschaften anderer Länder in der Hauptstadt Tirana zu stürmen. Die ersten bewegten Bilder, die der Westen schließlich von Albanien zu sehen bekam, zeigten zahllose Albanier:innen, die in Booten über die Adria nach Italien flohen. Mit der Rolle, die Immigration im albanischen Nationalbewusstsein einnimmt, bleibt der Film bis heute ein wichtiger Bezugspunkt für viele Albaner:innen.

Die schwierige Übergangsphase zwischen Diktatur und Demokratie führt zur baldigen Schließung des Kinostudios 'Shqiperia e Re'. In den frühen 1990er Jahren waren viele der langjährigen

Animatonsfilmemacher:innen, Editor:innen, Regisseur:innen und Kamerleute ohne Arbeit. Viele von ihnen machten sich trotzdem täglich auf den Weg zu ihrem ehemaligen Arbeitsplatz unweit der Hauptstadt Tirana n auf, in der Hoffnung, dass sich die Tore des Studios wieder öffnen und sie wieder Filme machen würden. Regisseur Eno Milkani erinnert sich an einen traurigen Tag in der Mitte der 1990er Jahre, als er am Studio ankam, nur um zu sehen, dass die schweren Eisentüren des Studios entfernt und als Schrott verkauft wurden. 40 Jahre nach seiner Gründung war das Studio ‚Neues Albanien' wieder verschwunden.

In den letzten 20 Jahren hat sich die Situation des albanischen Filmerbes weiter verschlechtert: Wie in jedem Land, begannen die originalen Negative mit der Zeit zu verfallen. Wenn innerhalb der nächsten 10 Jahre nichts getan wird, um der chemischen Zersetzung des Filmmaterials entgegenzuwirken, werden die ersten Titel der insgesamt 6400 albanischen Filme bald für immer verloren gehen.

Die Tatsache, dass JAHRE DES WARTENS erfolgreich restauriert und digitalisiert werden konnte, gleicht einem kleinen Wunder. Die Produzentin Clare Stronge und der Regisseur haben Tadhg O'Sulivan haben Kontakt aufgenommen mit dem Arkivi Qendror Shteteror i Filmit - AQSHF (Nationales Filmarchiv Albaniens), um einen Ausschnitt aus dem 1990 entstandenen JAHRE DES WARTENS in ihrem poetischen Dokumentarfilm TO THE MOON zu verwenden. Allerdings besaß das Archiv bis dahin keinen Scanner zur Digitalisierung von Filmmaterial, sodass das gesamte bis dahin gescannte Material von sehr schlechter Qualität war. Die mangelnde Technik zur Digitalisierung ist auch eine der Hauptursachen dafür, dass die Filme aus der Kinostudio-Ära immer noch selten außerhalb Albaniens zu sehen sind.

Zunächst schlugen Stronge und O'Sullivan vor, nur die für ihren Film benötige Filmrolle im Ausland zu digitalisieren. Das Archiv schlug stattdessen vor, das gesamte Filmnegativ hochauflösend zu scannen. Stronge und Sullivan stimmten dem Vorschlag zu, sodass der Schweizer Filmarchivar Reto Kromer bald mit der Digitalisierung und Erstellung eines neuen Masters beginnen konnte. TO THE MOON feierte seine Premiere 2020 bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig und wurde vor kurzer Zeit beim Dublin International Film Festival ausgezeichnet.

Diese wachsende Präsenz des albanischen Filmerbes der Kinostudio-Ära bei internationalen Festivals und Retrospektiven führt hoffentlich zu einem besseren Bewusstsein für die Notwendigkeit der Erhaltung des albanischen Filmerbes. Als eine der letzten großen sozialistischen Filmproduktionen bietet JAHRE DES WARTENS einen hervorragenden Einstieg zur Beschäftigung mit dieser fast vergessenen Kinematografie.

Iris Elezi, Direktorin des Arkivi Qendror Shteteror i Filmit - AQSHF (Nationales Filmarchiv Albanien)


JAHRE DES WARTENS ist als Teil des goEast On Demand Angebots während der Festivalwoche auf online.filmfestival-goeast.de verfügbar. Alle Informationen zum Festival und häufig gestellte Fragen lassen sich in unserem FAQ nachlesen.