Festivalblog Tag 2

Izvinite, sind Sie ... Boris Khlebnikov? Da, da, ist er. Finden Sie sich hier zurecht? Da, da.
Gesichtet: ein höflicher und zurückhaltender Boris Khlebnikov schlenderte am  Nachmittag durch Wiesbaden und kam wenig später bestens aufgelegt ins volle Apollo Kino, um seinen aktuellen Film ARRYTHMIA vorzustellen.

Hat er dazwischen vielleicht einen Schlenker zur goEast Fotoausstellung von Maria Švarbova gemacht? In der Serie "Swimming Pool" stilisiert sie die kühle Architektur sozialistischer Badehäuser. Das passt nicht nur bestens zur Kur- und Thermenstadt Wiesbaden, sondern auch zum anhaltenden Hochsommerwetter.

Dem gefeierten russischen Regisseur widmet goEast dieses Jahr das Porträt und zeigt sechs seiner Spielfilme. Im Gespräch verriet er: "Es gibt eine Sorte Mann, die sehr gut in einer Sache ist, aber im restlichen Leben vollkommen hilfslos ist. Entscheidungen überlässt er den Frauen, die im Leben die Verantwortung übernehmen". Was Khlebnikov noch über seine feinsinnig ironischen Filme und das Leben in der russischen Provinz zu erzählen hat, erfahren wir in den nächsten Tagen, zum Beispiel beim Werkstattgespräch am Samstag, 21. April, im Festivalzentrum.

 

Start in den goEast Wettbewerb

16 aktuelle Produktionen konkurrieren dieses Jahr wieder um die goEast-Lilien, die am Dienstag, 24. April, vergeben werden. Mit THE DEAD NATION (R: Radu Jude), THE MINER (R: Hanna Slak), und ONCE UPON A TIME IN NOVEMBER (R: Andrzej Jakimowski) sind drei starke Filme des Spiel- und Dokumentarfilmwettbewerbs gestern ins Rennen gegangen. Ganz auf Augenhöhe miteinander und mit dem Publikum diskutieren die Filmgäste des Tages abends im goEast Salon im Wiesbadener Festivalzentrum.

Hanna Slak, Regisseurin von THE MINER, Koproduzent Michel Balagué und Andrzej Jakimowski, der Regisseur von ONCE UPON A TIME IN NOVEMBER, machten gestern im Gespräch mit der ehemaligen Festivalleiterin Gaby Babić den Anfang.

Festival, spürt man, das sind Leute, die sich austauschen wollen. So banal es klingen mag – sieben Tage lang den Raum dafür zu haben, das ist wirklich etwas ganz Besonderes.

Die einen erzählen Geschichten über Menschen, die anderen bringen ihr eigenes Menschsein in den Austausch ein. Und wenn die Bedingungen stimmen, kann man eine ganze Menge lernen.

Über einen bosnischen Bergarbeiter in Slowenien und das Trauma einer ganzen Generation, über einen polnischen Studenten, der mit seiner Mutter und ihrem Hund auf der Straße landet. Über das, was uns hier und anderswo bewegt, übers Filmemachen, über gesellschaftliche Probleme, und über Strategien, mit ihnen umzugehen.

 

Spiel mit!

Die Welt mit anderen Augen sehen: das nimmt der Open Frame Award dieses Jahr ganz wörtlich und schickt Virtual-Reality-Formate in den Wettbewerb. Acht Werke von Künstler/innen aus Mittel- und Osteuropa und RheinMain präsentierte gestern zur Wiesbaden-Vernissage Kurator Georgiy Molodtsov im Museum Wiesbaden – und die kamen hervorragend an (s. Titelbild). Interaktiv geht es zu, dreidimensional und manchmal irgendwie näher, als einem lieb sein kann. Wer vom Bildschirm wegschaut, wird in THE GRIND zum Beispiel gefeuert und durch eine Maschine ersetzt ...

Nicht nur Erwachsene sind bei goEast eingeladen, spielerisch unbekannte Filmwelten zu entdecken. Leinwand frei für die Schulfilmtage und Horden von Jungs und Mädchen, die gestern und heute die Caligari FilmBühne erobert haben. Zu Gast war gestern die Regisseurin von 7 PLANETS, eines von fünf Kurzfilmen im Programm, der die Geschichte einer Außenseiterin erzählt, die viel lieber auf einem bewohnbaren Planeten außerhalb der Erde leben würde. Welche Träume haben die Kinder selber?, fragte Regisseurin Milda Baginskaite. Astronaut/in werden, natürlich.

 

Es gibt viele 1968

Mal nachgezählt? Ganz recht, 2018 ist 50 Jahre nach 1968. Und während im tiefen Westen das Jubiläumsjahr 1968 so stark mit dem Pariser Mai und der westdeutschen Studentenbewegung verknüpft ist, dass sich hier eine ganze Partei über deren Ablehnung definiert (so formulierte es aus aktuellem Anlass treffend ein Frankfurter Filmwissenschaftler), rollt goEast das Feld von Osten auf.

Mit ikonischen Werken von Jan Nemec über sowjetischen Agitprop bis zum brandneuen Episodenfilm OKKUPATION 1968 ist Perspektivwechsel angesagt: die Diskussion ist eröffnet!

Noch ein Jubiläum: Stefan Adrian ist seit 10 Jahren Festivalmanager von goEast und heute hat er Geburtstag. Zweites Geburtstagskind des Tages ist Symposiumsleiterin Barbara Wurm.

Happy, happy birthday!