goEast Eröffnung

Festivalblog Tag 1

Licht aus. Leinwand frei: GORILLA BATHES AT NOON. „Gebadet" wird in den ersten Minuten von goEast 2019 eine gigantische Lenin-Statue am Berliner Platz der Vereinten Nationen, und mit Dušan Makavejev beginnt in Wiesbaden die 19. Ausgabe des Festivals des mittel- und osteuropäischen Films.

30 Jahre nach dem Mauerfall fragt goEast in einer gemeinsamen Reihe mit dem Filmfestival Cottbus „Bleibt alles anders?" und präsentiert eine Filmära, die spannender nicht sein könnte: „Die wilden Neunziger". „Im Westen assoziert man die Zeit vor allem mit MC Hammer, Musik von The Scorpions, schrecklichen Ballonhosen und Trainingsanzügen. Im Osten wurde ein ganzes wirtschaftliches System umgekrempelt", erinnerte Festivalleiterin Heleen Gerritsen bei der Eröffnung der 19. Festivalausgabe in der wunderschönen Caligari FilmBühne Wiesbaden.
Die Filmreihe verpricht ein ganz großes Festivalhighlight zu werden, denn sie ist so wild wie ihr Name und voll Kinojuwelen, die aktuell wiederentdeckt werden:

Schlüsselwerke wie THREE STORIES der fabelhaften Kira Muratova, Jean-Luc Godards GERMANY YEAR 90 NINE ZERO oder István Szabós SWEET EMMA, DEAR BÖBE tummeln sich mit komödiantischen polnischen und rumänischen Vertreter/innen der Sorte „muss man gesehen haben" und eine der vielleicht wichtigsten hiesigen Umbruchs-Chronistinnen, Helke Misselwitz, gibt mit dem herausragend besetzten ENGELCHEN den Auftakt der Reihe im Wiesbadener Apollo-Kino. Wer danach wissen will: „What went wrong in the Nineties?", kommt zur gleichnamigen Diskussion um 20:30 Uhr im Festivalzentrum.

Spielwiese: PANEUROPÄISCHES PICKNICK

Doch damit der wilden Wende noch lange nicht genug, nein! goEast verwandelt 2019 einfach ganz Wiesbaden in eine „Spielwiese kulturellen Austauschs" und veranstaltet erstmalig das „Paneuropäische Picknick". Benannt nach der Künstler/innen-Demo 1989 in Österreich und Ungarn, erweitert goEast sein Programm um allerlei kulturelle Rahmenveranstaltungen mitten in der hessischen Landeshauptstadt. Nicht erst seit 1989 wissen wir: Kunst überwindet Grenzen und – wem muss ich das erzählen? – dafür steht, nein dafür lebt und atmet goEast seit 19 Jahren. Auf dem Menü in Wiesbaden darf natürlich ein echtes Picknick nicht fehlen, am Samstag auf dem Schlossplatz, mehr davon bald!

Hello Jury! Welcome, Teona Mitevska!

Nach Wiesbaden kamen gestern Abend bereits einige heiß ersehnte Gäste, die der Festivalausgabe 2019 ein Gesicht geben. Die Regisseur/innen Anca Damian aus Rumänien, Esther Hajdú aus Ungarn und Andrei Kutsila aus Belarus nehmen alle mit ihren neusten Werken im goEast Spiel- und Dokumentarfilmwettbewerb teil und können für ihren Beitrag unter 16 Kandidaten als Hauptpreis die goldene Lilie und 10.000 Euro gewinnen. Darüber entscheidet eine internationale Jury, in diesem Jahr angeführt von der mazedonischen Regisseurin Teona Mitevska, die mit ihren vier Kolleg/innen ebenfalls die Eröffnung besuchte. Mitevska gab sich nach dem „offiziellen" Teil die Ehre für den goEast-Eröffnungsfilm 2019: GOD EXISTS, HER NAME IS PETRUNIJA.
Wer die Regisseurin von Filmen wie WHEN THE DAY HAD NO NAME und I AM FROM TITOV VELES noch nicht kannte,

konnte sich im Caligari von feinstem schwarzhumorigem Kino überzeugen. Ausgehend von einem örtlichen Skandal – eine Frau fischt ein Holzkreuz aus dem Fluss, das traditionell nur Männerhorden zu Ostern erjagen – inszeniert Mitevska eine Emanzipationsgeschichte als Kammerspiel zwischen patriarchalen Behörden, Kirche, und einer Frau, die in ihre eigene Selbstfindung stolpert. Das Banale wird dabei fast lächerlich zugespitzt, und die Auseinandersetzung mit Tradition und Umfeld kommt teilweise so brachial-gemein wie bei den Cohen-Brüdern daher.

Wie schon im letztjährigen Eröffnungsfilm MUG zeigt die Gesellschaft angesichts der Überschreitung ihrer Normen eine ziemlich hässliche Fratze – doch uns öffnen solche Filme die Augen, für Freiheit und Filmkunst und für sieben Tage goEast!